Obermayer und Obermaier über ihr Start-up: „Wollen versuchen, Enthüllungsjournalismus von der Subventionierung zu befreien“

Weltweit beachtete Recherchen wie die über die kreative Steuertricks mit Offshore-Firmen, zweifelhafte Geschäfte Schweizer Banken oder die Unterdrückung von Minderheiten in China entstehen zukünftig zwischen Wettbüros, Shishabars und Handyshops.

Bastian Obermayer (Foto: links) und Frederik Obermaier haben ihr Büro mit Alpenblick im Hochhaus der Süddeutschen gegen ein Etagenbüro im südlichen Bahnhofsviertel in München eingetauscht – zentral, gut angebunden und für Münchner Verhältnisse noch bezahlbar, sagen die beiden. Auch wenn man finanziell nicht um sie sorgen muss, spielt Geld eine gewichtige Rolle. Sie haben ihre Jobs als Investigativchefs der SZ für die Selbstständigkeit aufgegeben. Die Journalisten sind jetzt auch Unternehmer.

Seinen wichtigsten Kunden sieht Bastian Obermayer beim Blick auf seinen Desktop-Hintergrund. Er zeigt das Verlagsgebäude des Spiegel in Hamburg. Das Nachrichtenmagazin hat sich die Dienste des Investigativ-Duos, das hinter Recherchen wie zu den Panama Papers, Paradise Papers oder Suisse Secrets steckt, gesichert. Dafür haben Obermayer und Obermaier im vergangenen Jahr Paper Trail Media gegründet, ein Recherchebüro mit Spezialisierung auf internationale Investigativ-Recherchen. Die Pulitzerpreisträger haben sich selbst zum Geschäftsmodell gemacht. Nicht nur der Spiegel, sondern mittlerweile drei weitere Medienpartner zahlen für das, was sie und ihr Team herausfinden (werden).

Die Umstände haben sich verändert, die Scoops sind geblieben: Vergangene Woche veröffentlichte Paper Trail Media gemeinsam mit seinen Medienpartnern die Vulkan Files, eine investigative Recherche über Putins Cyberkrieg. Kurz vor Veröffentlichung empfingen Obermayer und Obermaier zum Interview. Ein Gespräch über investigativen Journalismus als Geschäftsmodell, die Idee für Paper Trail Media und wieso die Gründer glauben, dass das Projekt nicht mit der SZ umzusetzen gewesen wäre.


Wir sitzen hier nicht allein, sondern mit einigen eurer Kollegen. Wie viele Leute arbeiten bei euch?  

Frederik Obermaier: Gerade ist es ein volles Dutzend, elf davon fest angestellt. Es setzt sich zusammen aus tollen Menschen, die vieles können, das wir selbst nicht so beherrschen. Sophia Baumann, Hannes Munzinger und Hakan Tanriverdi zum Beispiel sind im Bereich Cyber- und Datenjournalismus ganz vorne dabei. Dasselbe gilt für Christo Buschek, der mit Buzzfeed in den USA auch schon einen Pulitzer-Preis gewonnen hat und extrem komplizierte Datenstrukturen analysieren kann. Mit Corinna Cerruti, Maria Christoph, Carina Huppertz, Dajana Kollig und Ruben Schaar haben wir crossmedial erfahrene Investigativreporterinnen, die jede Extrameile gehen, um ans Ziel zu kommen. Niemand hier scheut sich, nachts an Haustüren zu klingeln, wenn es sein muss. Für uns ist es das erste Mal, dass wir eigenständig ein Team aufbauen können. Wir versuchen auch, es so vielfältig wie möglich zusammenzustellen. Das ist in traditionellen Medienhäusern nicht immer einfach, hier haben wir es selbst in der Hand.   

Ein Dutzend Leute in einem Jahr – wie bekommt man so schnell ein Team zusammen? 

Bastian Obermayer: Wir waren auch überrascht: Als wir im Frühjahr 2022 via Twitter bekannt gemacht haben, dass wir Leute suchen, hatten wir innerhalb kürzester Zeit weit über hundert Bewerbungen.  Die meisten davon waren relativ junge Kolleginnen und Kollegen. Was uns besonders gefreut hat: Es waren Leute dabei, mit denen wir teils schon Jahre zusammengearbeitet haben, Leute, die wir schon vom Lesen kannten und natürlich ganz viele, auf die wir einfach neugierig waren. Aus dieser Mischung haben wir dann nach und nach das Team zusammengestellt – auch ein wenig aus dem Bauch heraus.

„Wir glauben, dass sich investigativer Journalismus selbst tragen kann.“

Investigative Journalisten waren im vergangenen Jahr heiß begehrt und konnten sich mehr oder weniger aussuchen, für wen sie arbeiten wollten. Es schien eher so, als müssten sich Redaktionen bei den Journalisten bewerben. Wie erklärt ihr euch den Ansturm auf ein Projekt, von dem man gar nicht wusste, was es werden würde?  

Bastian Obermayer: Wir hoffen natürlich, dass es an unserer Vorstellung von Investigativjournalismus liegt. Aber natürlich hat die Bewegung im Markt sicherlich dazu beigetragen, es war ja eine große Veränderungsbereitschaft zu beobachten. Ich glaube, viele haben sich gefragt, ob sie in ihrem Job noch richtig sind. Hinzu kommt, dass wir in einer Nische arbeiten, die offenbar für viele interessant ist: internationale Recherchen und Langzeit-Projekte. Damit setzt man sich von den tagesaktuellen Enthüllungen ab. 

„So konnten wir nicht das Maximum herausholen“: Deshalb hat das Duo die SZ gegen die Selbstständigkeit getauscht

Investigativer Journalismus ist teuer und betriebswirtschaftlich unkalkulierbar, vor allem, wenn das Ende einer Recherche nicht absehbar ist. Man muss es sich leisten wollen. Wie kommt man unter diesen anspruchsvollen Bedingungen auf die Idee, sich damit selbstständig zu machen?  

Frederik Obermaier: Wir haben unsere Arbeit in der Vergangenheit oft mit Markenbildung verargumentiert. Denn wenn man die damit verbundenen Kosten und den Ertrag gegenüberstellt, rechnet sich das oft nicht. Investigativjournalismus nur als Marketinginstrument zu begreifen kann auf Dauer genauso wenig eine Lösung sein wie rein spendenfinanzierter Journalismus. In den vergangenen Jahren sind viele Non-Profit-Organisationen in der Branche entstanden. Es ist toll, wenn der gesellschaftliche Wert des investigativen Journalismus erkannt und er unterstützt wird. Aber auch dort ist er wirtschaftlich anfällig, sobald große Spender zögern. Wir beobachten derzeit, dass Stiftungskassen nicht wieder aufgefüllt werden, weil die Gewinne der Geldgeber ausbleiben. Man ist also stark vom guten Willen der Spender abhängig. Wir wollen versuchen, ob wir den Enthüllungsjournalismus ein Stück weit von der Subventionierung befreien können. Wir glauben, dass sich  investigativer Journalismus selbst tragen kann, wenn man die gesamte Verwertungskette nutzt. Dafür muss man aber die zentralen Entscheidungen selbst treffen können.

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Marvin Schadehttps://medieninsider.com
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