Drei Medienstudien, die du gelesen haben solltest

Ausgabe #12/21

Hallo Medieninsider!

Schön, dass du dabei bist! Einmal im Monat erhältst du den wöchentlichen Lese-Letter von mir, Alexandra Borchardt. Ich bin Journalismus- und Medien-Professorin, Beraterin, Autorin und Kolumnistin bei Medieninsider.

Was dich in dieser Ausgabe unter anderem erwartet:

► Oasen in der Nachrichtenwüste: Status-Report eines neuen Ökosystems

► Qualitätskontrolle für Fortgeschrittene: eine Checkliste für starken Journalismus

Reuters-Analyse aus 12 Ländern: Frauen in deutlicher Unterzahl

► Medieninsider im Podcast von Thilo Mischke 

► Wie es um die Medienkompetenz deutscher Internetnutzer steht

Der kostenlose Medieninsider-Newsletter

Keine unserer Artikel verpassen! Mit unserem Newsletter halten wir dich auf dem Laufenden. Er ist kostenlos und du kannst ihn jederzeit abbestellen.


Oasen in der Nachrichtenwüste: So steht es um das Ökosystem journalistischer Gründungen

Suchen wir Antworten darauf, wie sich das hiesige Mediengeschäft in den kommenden Jahren entwickeln könnte, schauen wir oft in die USA. Dabei gibt es zwei Betrachtungsweisen. Einerseits finden wir Inspiration, andererseits dient uns das Land der unbegrenzten Möglichkeiten als Frühwarnsystem. Manchmal geht beides miteinander einher – wie in folgendem Fall.

In den USA sind Nachrichtenwüsten real, der Lokaljournalismus verschwindet von der Fläche (mit üblen Konsequenzen). Das Frühwarnsystem blinkt in allen Farben. Wo Altes verschwindet, entsteht manchmal aber Neues, das inspirieren kann.

In den Wüsten wachsen kleine Oasen. Gemeint sind digitale, lokaljournalistische Projekte und Unternehmen. Diese Neugründungen aber starten unter schwersten Bedingungen. Das verdeutlicht der erste Report des Project Oasis. Ein Recherche-Konsortium, dem unter anderem die Google News Initiative angehört, hat 700 solcher Unternehmen in den USA und Kanada ausgemacht, 255 haben an einer mehrmonatigen Umfrage teilgenommen. Der Report zeigt, wie es um ihr Ökosystem bestellt ist. Marvin hat ihn gelesen, damit du es nicht mehr tun musst. Seine Zusammenfassung kannst du als Medieninsider hier lesen.


Werben im Lese-Letter?
Mail an werben@medieninsider.com und Mediadaten anfordern!


Eine Checkliste für starken Journalismus 

Die Frage, wie Qualitätsjournalismus definiert wird, ist keine einfache – schon gar nicht in Zeiten des digitalen Wandels. Genauso schwierig gestaltet sich dann die Kontrolle. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, über Kriterien und Kontrollstandards zu diskutieren. Deshalb habe ich eine Checkliste erstellt, quasi eine Qualitätskontrolle für Fortgeschrittene. Sie gibt zehn Impulse, wie Qualitätsjournalismus zeitgemäß übersetzt werden kann. Die ersten drei Punkte, möchte ich hier im Newsletter mit dir teilen.

1. Haben wir genug erklärt?
Wer sich informiert, will nicht nur Bescheid wissen. Er möchte wissen, warum er Bescheid wissen sollte. Journalismus muss immer einordnen, und er muss das immer wieder tun. Laut Digital News Report 2019 findet nur jeder zweite Nutzer, dass die Medien einen guten Job dabei machen, das aktuelle Geschehen zu erklären. Da ist Luft nach oben.

2. Setzen wir die Agenda?
Im täglichen Feuerwerk der Informationen und Zitate ist es allzu leicht, sich von anderen treiben zu lassen. Stimmt das, was dieser Politiker, jene CEO behauptet, oder ist das eine Falschinformation? Verifizieren ist wichtig, aber wer nur noch überprüft, was andere sagen, kann es leicht versäumen, eigene Themen zu setzen. Da gilt das in der Branche gerne genutzte Wort: Journalismus ist, über etwas zu berichten, das andere gerne verbergen würden.

3. Begeistern wir Nutzer mit Produkten, die ihnen helfen?
Die Erfolge von Apple, Amazon, Netflix und Co. sind nicht die Ergebnisse von klugem Marketing. Die Produkte und Plattformen überzeugen, weil sie einen Mehrwert bieten. Sie helfen dabei, alltägliche Probleme zu lösen. Welche Produkte können Medienhäuser entwickeln, die ihren Kundinnen und Kunden im Alltag helfen? Die Denke vom Nutzer her ist zentral, wenn man sich unverzichtbar machen will. 

Die Punkte vier bis zehn, in denen ich auch auf den Umgang mit Emotionen und Populismus eingehe, kannst du als Medieninsider hier nachlesen


Mehr News & Entdeckungen aus der Woche

zusammengetragen von Florian Boldt

Reuters-Studie zeigt: Journalistinnen sind selten Führungskraft

Nur 22 Prozent der Führungspositionen im Journalismus sind mit Frauen besetzt – die wiederum 40 Prozent der Redakteursstellen innehaben. Das zeigt die Studie „Women and Leadership in the News Media 2021“, für die das Reuters Institute die Situation in zwölf Ländern untersucht hat. In Deutschland lag der Anteil an der „Top-Redakteurinnen“ 2021 bei 19 Prozent, im Vorjahr waren es 27 Prozent. In den japanischen Medien waren keine Frauen in Führungspositionen zu finden. Nur eines der untersuchten Länder hat mehr Chefredakteurinnen als Chefredakteure: In Südafrika liegt der Anteil bei 60 Prozent. Eine Zusammenfassung der Reuters-Veröffentlichung findest du beim European Journalism Observatory. Die vollständigen Ergebnisse findest du hier.

NZZ: Umsatz und Gewinn gingen 2020 zurück – Abos legten zu

Ende 2020 haben insgesamt 205.000 Menschen die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) abonniert. Das sei ein Zuwachs um 23,5 Prozent, teilte die NZZ-Mediengruppe in ihrer Jahresbilanz mit. Vor allem digital konnte das Unternehmen zulegen – die Anzahl digitaler Abonnenten stieg gegenüber 2019 um 83 Prozent. Dennoch sank der Unternehmensgewinn im Vorjahresvergleich um 17 Prozent auf 15,3 Millionen Franken. Der Gesamtumsatz ging um vier Prozent auf 221,1 Millionen Franken zurück. Ursächlich seien dafür maßgeblich Corona-bedingte Einbrüche auf dem Werbemarkt und im Eventbereich. Durch Sparmaßnahmen und das digitale Wachstum erreichte die NZZ dennoch ein positives Betriebsergebnis. Den Geschäftsbericht findest du hier.

Der kostenlose Medieninsider-Newsletter

Keine unserer Artikel verpassen! Mit unserem Newsletter halten wir dich auf dem Laufenden. Er ist kostenlos und du kannst ihn jederzeit abbestellen.

Neue Vorschläge in der Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Die Bundesländer wollen bis Juni konkrete Pläne für eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorlegen. Eines der Hauptthemen werde das Programm-Angebot von ARD und ZDF im Netz sein, kündigte Heike Raab, Koordinatorin der Rundfunkkommission der Länder, gegenüber der dpa an.

Ein weiterer Vorstoß in der Debatte kommt von Tom Buhrow. Der WDR-Intendant umriss in der FAZ seine Gedanken zur Zukunft der ARD im Jahr 2030. Buhrow erwartet, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk dann als „non-lineares Content-Netzwerk“ funktioniere. Spartenprogramme im TV und Radioangebote über den klassischen UKW-Empfang könnten bis zum Ende des Jahrzehnts aus Kostengründen wegfallen. Seinen Gastbeitrag findest du hier.

Aus der Mediathek genommen: NDR-Kinodoku Lovemobil „nicht authentisch“

Der NDR hat den preisgekrönten und von ihm mitproduzierten Dokumentarfilm Lovemobil aus der Mediathek genommen. Der Film zeige „in weiten Strecken Szenen, die nicht authentisch sind“. Zwar sei Lovemobil auf Basis langjähriger Recherchen entstanden, doch seien zahlreiche Situationen nachgestellt oder inszeniert. Autorin Elke Lehrenkrauss habe die Vorwürfe eingeräumt, heißt es. Die handwerklichen Mängel aufgedeckt hatte das Team von STRG_F, das ebenfalls vom NDR produziert wird. Lovemobil schildert das Leben von Frauen, die sich in Campingwagen prostituieren. Der Film wurde unter anderem mit dem deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet. Die Preisvergabe werde nun nachträglich vom SWR überprüft, das Grimme-Institut nahm Lovemobil mittlerweile von der Nominierungsliste für den Grimme Preis. Mehr zu dem Thema findest du hier

New York TimesReporter müssen sich eigene Newsletter zukünftig genehmigen lassen

Reporter der New York Times müssen sich zukünftig offenbar eine Genehmigung einholen, wenn sie nebenher eigene Newsletter publizieren wollen. Dabei ist es egal, ob sie das Angebot kostenpflichtig oder frei zur Verfügung stellen. Das berichtet der US-Tech-Reporter Casey Newton bei Twitter. Die Maßnahme sei Teil einer generellen Zentralisierungsmaßnahme bei der Genehmigung für Buch- TV- und Rednerverträge für Mitarbeiter. Newtons Tweets dazu findest du hier


Causa Reichelt: Medieninsider im Podcast von Thilo Mischke

Die anhaltende Compliance-Untersuchung bei Bild hält Medienjournalisten weiter auf Trapp. Dabei geht es längst nicht mehr allein um die Vorwürfe gegenüber Chefredakteur Julian Reichelt. Das aktuelle Vorgehen tritt auch Debatten über die allgemeine Arbeitskultur in der Medienbranche los.

Das Thema beschäftigt auch den Journalisten Thilo Mischke. Er hat Marvin in seinen Uncovered-Podast eingeladen, um über Bild, Axel Springer, aber auch um über das Thema Mobbing im Journalismus zu sprechen. Die Episode findest du hinter diesem Link


Döpfners dauerhafte Belastungsprobe

Die aktuellen Vorgänge hat Marvin vergangene Woche auch bei Medieninsider kommentiert. Dafür,dass die Lage im Axel-Springer-Haus derzeit so eskaliert, sieht er auch auch strukturelle Gründe. Die Verantwortlichen macht er ein paar Etagen oberhalb der Bild-Redaktion aus. Marvins Kommentar ist jetzt als Leseprobe frei verfügbar. Du findest ihn hier.


Lesetipp

Wie steht es wirklich um die Medienkompetenz in Deutschland? Wie gut können sie Quellen im Internet auseinanderhalten, neutrale Information von interessengeleiteten unterscheiden? Fragen wie diese wurden jüngst von der Stiftung Neue Verantwortung ausführlich untersucht. 4191 deutschsprachige Menschen mit Internetzugang wurden dafür im vergangenen Herbst mithilfe von Online-Interviews befragt, auch eine eigens erstellter Nachrichtenkompetenztest wurde durchgeführt. Es ging um digitale Fähigkeiten und Faktenwissen.

Die Studie ist mein Lesetipp für diese Woche. Die Resultate sind teils ernüchternd. Sie verdeutlichen (nicht nur) uns Medienmachern, dass auf diesem Gebiet noch einiges zu tun ist. Ein paar Ergebnisse daraus:

► Im Umgang mit digitalen Nachrichten sind viele Menschen unsicher – bei einem Test mit dem Höchstwert von 30 Punkten wurden im Durchschnitt nur 13,3 Punkte erreicht. 

► 59 Prozent, und damit gerade mal mehr als jeder zweite, konnte die Neutralität einer Quelle erkennen.

► Die Unterscheidung von wirklicher Information und Fake News fällt schwer. Eine falsche Information über abgesagte Operationen während des Shutdowns wurde von 43 Prozent als solche erkannt, 33 Prozent hielten sie für real, 13 Prozent erkannten darin eine Meinung. Entsprechende Markierungen von sozialen Netzwerken konnten kaum eingeordnet werden, auch von der Anzahl der Likes ließ man sich verleiten. 

► Ähnliches trifft auf die Unterscheidung von Werbung und Meinung zu. 23 Prozent haben ein Advertorial als solches erkannt, 56 Prozent hielten es für Information. Bei einem Kommentar über politische Entscheidungen nahmen ihn 32 Prozent als Tatsachenberichterstattung hin. 

► Das Denken über Verknüpfen von Journalismus und Politik sollte zu denken geben. Ein Viertel der Befragten stimmte der Aussage zu, Medien und Politik machten gemeinsame Sache, um die Meinung in der Bevölkerung zu manipulieren. 23 Prozent stimmten der Aussage teilweise zu. 24 Prozent, ebenfalls ein Viertel also, denken, Medien würden die Bevölkerung systematisch belügen, 30 Prozent denken das teilweise. 

Die Studie der Stiftung Neue Verantwortung findest du hier zum pdf-Download. Der Spiegel hatte in dieser Woche vorab berichtete, seine Zusammenfassung findest du hier. Hier kannst du den Nachrichtenkompetenztest selbst durchführen. 


Viele Grüße sendet dir 

Alexandra

Alexandra Borchardt
Alexandra Borchardthttps://alexandraborchardt.com/
Dr. Alexandra Borchardt ist Journalistin mit mehr als 25 Jahren Berufspraxis, 15 davon in Führungspositionen (Süddeutsche Zeitung, Plan W). Sie ist Buchautorin, Beraterin und Professorin. Im April 2020 übernahm sie die Co-Leitung des Studiengangs Medien.Kultur.Journalismus an der Universität der Künste in Berlin, darüber hinaus ist sie u.a. Senior Research Associate am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford. Als journalistische Leiterin ist sie außerdem für das Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School verantwortlich. Foto: Ina Abraham
Der kostenlose Medieninsider-Newsletter

Keine unserer Artikel verpassen! Mit unserem Newsletter halten wir dich auf dem Laufenden. Er ist kostenlos und du kannst ihn jederzeit abbestellen.