Umgekehrte Welt: Europas Medienhäuser scheinen den Amerikanern in Sachen KI davonzulaufen. Während die hiesige Diskussion zwischen Aufbruch und Naivität verläuft, wird der Technologieeinsatz in den Staaten politisiert.
In Europa neigt man dazu, den eigenen Beitrag zum weltweiten technologischen Fortschritt eher verschämt zu kommentieren. Büro- statt Garagen-Geist, Brüssel statt Silicon Valley, Verbot statt Versuch, so etwa geht das mit der Selbstgeißelung. Aber Achtung: Was das Feld künstliche Intelligenz und Journalismus angeht, ist so ein Understatement nicht angebracht. Schon seit geraumer Zeit schauen KI-Spezialisten aus amerikanischen Medienhäusern mit gewissem Neid Richtung Europa, speziell nach Skandinavien. Was Anwendungen von KI im Journalismus angehe, sei man hier deutlich weiter und offener als im Land von Open AI und Google, grummelten US-Experten schon beim Nordic AI in Media Summit im April in Kopenhagen. Den von schwedischen und dänischen Initiatoren ins Leben gerufenen Gipfel kann man getrost als führendes Event zum Thema Medien und KI deklarieren.
Auch ein kürzlich vom Nieman Lab der Harvard University veröffentlichtes Feature über KI-Verifizierungs-Tools nennt überwiegend europäische Anwender; die Deutsche Presse-Agentur kommt prominent darin vor. Und wie zur Bestätigung ist die Craig Newmark Graduate School of Journalism an der City University New York nun eine Partnerschaft mit Nordic AI Journalism eingegangen. Geschäftsführerin Marie Gilot begründet das auf Nachfrage so: Die nordeuropäischen Medienhäuser seien nicht nur offener, sie blickten auch stärker auf die Möglichkeiten von KI für den Journalismus. Sie hätten früher als andere KI-Tools für interne und externe Anwendungen gebaut und bereits viele Erfahrungen damit gesammelt. Bei solchen Komplimenten fühlt man sich gleich ein bisschen nordischer. Auch im EBU News Report Leading Newsrooms in the Age of Generative AI* sind viele Beispiele aus Europa zusammengetragen.
Zwischen Aufbruch und Naivität
Aus diesen zunächst erfreulichen Botschaften kann man zwei sehr unterschiedliche Schlüsse ziehen. Der eine wäre: Nach dem kräftezehrenden Weg vom Print zum Online-Journalismus sind die Europäer dieses Mal ganz wach. Sie wollen die Chancen des technologischen Wandels nicht noch einmal verpassen und gehen das Thema KI beherzt an. Ziel ist es, den Journalismus besser und zugänglicher zu machen und – wer wollte es Verlagsmanagern verübeln – hoffentlich Kosten zu sparen. Die zweite Lesart wäre weniger bestärkend: Die Europäer sind naiv. Ohne Not machen sie sich noch stärker von Drittplattformen abhängig, deren Nutznießer weitgehend im Silicon Valley sitzen. Sie geben bereitwillig und im großen Stil Urheberrechte und damit die Chance auf, ihre Inhalte teuer an die Tech-Konzerne zu verkaufen. Sie riskieren das Vertrauen des Publikums in ihren Journalismus und füttern eine Maschinerie mit dem Potential, zu den größten Strom-, Wasser- und Rohstoff-Fressern zu werden.
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