„Sorry, the explainer is dead“: Sind Large Language Modelle das Ende von Service-Journalismus? Das muss nicht sein – wenn Publisher einige Dinge beachten.
Wenn Menschen ChatGPT und Co. in allen Lebenslagen zurate ziehen, warum sollten Redaktionen dann noch in Nutzwert-Angebote investieren? Schließlich ist es unwahrscheinlich, dass die KI-Tools ausgerechnet die eigene Geschichte als Quelle ausweisen und Nutzer so auf den herkömmlichen Publisher-Angeboten landen. Die jährliche Trends-Umfrage des Reuters Institutes bestätigt: Medienführungskräfte investieren dieses Jahr deutlich weniger in Service-Journalismus. Stattdessen fließt das Budget in investigative Projekte und Vor-Ort-Recherchen (siehe Grafik).“ Marie Gilot, Leiterin des Executive Education Programms an der Craig Newmark Graduate School of Journalism, formulierte es in ihrer diesjährigen Vorhersage für Harvards Nieman Lab prägnant: „Sorry, the explainer is dead“.

Aussagen wie diese bedeuten nichts anderes als eine Trendumkehr. Seitdem Redaktionen Conversions messen, ist das Ansehen von mit Service-Themen befassten Journalisten in der internen Hackordnung merklich gestiegen. Klar, sie sitzen nie im Regierungsflieger, aber ihre Geschichten tragen meistens mehr zur wirtschaftlichen Gesundheit des Unternehmens bei als das sorgsam ausgeleuchtete Zitat des Bundeskanzlers. Service ist dabei ein dehnbarer Begriff: Alltagsfragen wie Was tun bei Heuschnupfen? gehört genauso dazu wie Tipps zum Investment in ETFs oder zum Wiederbeleben in die Jahre gekommener Partnerschaften. Jeder, der die Zahlen kennt, wird zumindest für Letzteres bestätigen: Das Zeug konvertiert. Es ist kein Zufall, dass die Extras des Spiegel einen der prominentesten Plätze auf der Homepage einnehmen und andere Publisher dem folgen.
Und wenn Berater regelmäßig herunterbeten, Menschen zahlten nur für digitalen Journalismus, wenn er ihnen einen Mehrwert für ihr tägliches Leben biete, dann ist dies zwar keine originelle, aber eine zutreffende Erkenntnis. Hier, voilà, kommt Nutzwert groß raus. Und das soll nun vorbei sein? Wie blöd ist das denn.
Doch Panik ist verfrüht. Was langfristig stimmt, wird nicht morgen passieren. Denn was perspektivisch stimmen mag, wird nicht gleich morgen passieren. Wie für Social Media, deren Niedergang aus guten Gründen prognostiziert wird, aber noch nicht materiell sichtbar ist, gilt das auch für den Nutzwert-Journalismus: Die Welle wird sich noch eine Weile auskömmlich reiten lassen. Nur sollten Redaktionen einige Dinge im Hinterkopf behalten.
So hat Nutzwert in Zeiten von KI eine Überlebenschance
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