Wie es Bild-Reporter Paul Ronzheimer gelang, mehrere Wochen lang ungestört aus Minsk zu berichten

Auch als stellvertretender Chefredakteur ist Paul Ronzheimer weiterhin Krisenreporter Nummer 1 bei Bild. Zuletzt berichtete er mehrere Wochen aus der belarussischen Hauptstadt Minsk. Im Interview spricht er darüber, weshalb er nach nur drei Wochen zurückgekehrt ist, weshalb er seiner Ansicht nach ungestört und unentdeckt arbeiten konnte, während andere Kollegen von Behörden und Sicherheitskräften massiv behindert worden sind. Ronzheimer erklärt auch, weshalb er seine Kurzeinsätze im Vergleich zu langjährigen Korrespondentenposten als Vorteil sieht und entgegnet dem Vorwurf, ein parachute journalist zu sein.

Medieninsider: Du bist Anfang September nach drei Wochen Berichterstattung vor Ort aus Minsk zurückgekommen. Bist du freiwillig wieder in Deutschland oder musstest du, wie viele andere Kollegen, das Land verlassen?

Paul Ronzheimer: Ich bin freiwillig und völlig problemlos zurückgekommen.

Was ist der Grund für deine Rückkehr? Die Proteste* sind keineswegs vorbei.

Kollegen und ich waren insgesamt vier Wochen am Stück vor Ort, ich davon drei. Ich muss sagen, dass der Punkt erreicht ist, an dem man als Reporter über nahezu alles berichtet hat, vor allem dann, wenn wie jetzt in Minsk der Konflikt zum jetzigen Zeitpunkt entschieden scheint, weil Putin Lukaschenko massiv unterstützt.

Heißt: Thema vom Tisch?

Ganz und gar nicht. Wir verfolgen weiter, was in Belarus passiert. Wir haben einen freien Kollegen vor Ort, der für uns berichtet, und mit dem wir im Austausch bleiben. Darüber hinaus haben wir auch in Berlin Kollegen, die ständig darauf achten, was dort geschieht.

Die Regierung in Belarus geht nicht nur gegen Demonstranten vor, sondern hat auch Berichterstattern die Arbeit erschwert. Journalisten wurden festgehalten, ausgewiesen, andere an der Einreise gehindert. Wieso war das bei dir nicht der Fall?

Meine Kollegin Yasemin Yavuz und mein Kollege Michael Hübner, mit denen ich gemeinsam unterwegs war, waren jederzeit achtsam. Wir sind in Belarus nicht mit großen Kameras aufgetreten, sondern sind mit kleinem Equipment eingereist. Ich hatte nicht mehr bei mir als mein Smartphone. Das zeigt übrigens einmal mehr, dass es für gute Berichterstattung nicht immer mehrköpfige Kamerateams und große Gerätschaften braucht. Eher im Gegenteil. Wir waren nicht nur unauffällig, sondern auch viel flexibler bei Aufnahmen. Wenn wir auf Demonstrationen unterwegs waren, haben wir uns eher im Pulk bewegt als am Rand oder vorne weg. Wir haben darauf geachtet, Sicherheitskräfte gut bei ihrem Vorgehen beobachten zu können, ohne uns direkt in ihr Sichtfeld zu begeben. Wir haben gemerkt, dass vor allem dort gegen Kollegen vorgegangen worden ist.

Mit der Unauffälligkeit ist es in dem Moment vorbei, in dem du selbst in der Bild-Berichterstattung auftauchst. Zumal ich davon ausgehe, dass der Staat ohnehin weiß, wo sich Journalisten aufhalten. Vorausgesetzt, sie haben sich akkreditieren lassen.

Auffällig war, dass zu Beginn vor allem gegen lokale oder russischsprachige Journalisten vorgegangen wurde, auch oder vor allem weil sie im Dienst von ARD, BBC oder anderen unterwegs waren. Den Behörden ist klar, dass diese Kollegen wichtige Kontakte sind und für die Produktion vor Ort höchst relevant, der Aufschrei aber deutlich geringer scheint, wenn man gegen sie vorgeht. Zum Glück wurde in diesem Fall aber groß über sie berichtet.

Welche Rolle spielt der Zeitpunkt der Einreise? 

Je früher man vor Ort ist, desto besser. Besonders dann, wenn chaotische Situationen gerade erst entstehen. Ich habe wohl ein gutes Zeitfenster erwischt, nur wenige Tage später sind Kollegen anderer deutscher Medien abgewiesen worden – einfach, weil sie einen ausländischen Pass hatten.

Welche Rolle spielt Geld bei so einem Einsatz?

Es geht weniger um Geld als vielmehr um lokale Kontakte. Und natürlich zahlt man lokalen Mitarbeitern Geld dafür, dass sie mit uns arbeiten. Dabei handelt es sich aber um Journalisten, um die wir uns kümmern und mit denen wir auch weiter Kontakt halten. Wir packen kein Geld dafür aus, dass Leute mit uns reden.

Du direkt nicht, die Mittelsmänner vielleicht schon?

Darauf achten wir schon, das ist auch klare Ansage von uns. Ich habe es selten erlebt, dass das überhaupt jemand vorgeschlagen hat. Etwas anderes ist es, wenn der Protagonist selbst etwas produziert hat, beispielsweise ein relevantes Video.

Bild-Reporter Paul Ronzheimer (l.) mit Yasemin Yavuz und Michael Hübner am 15. August 2020 in Minsk.

Es gibt den Begriff des parachute journalism, der beschreibt, dass man als Reporter über Krisengebiete „abgeworfen“ wird, ohne große Kenntnisse berichtet und danach wieder verschwindet. Damit geht auch die Kritik einher, dass Medien, die Themen nicht langfristig begleiten und Probleme beziehungsweise ihre Entwicklung aus dem Fokus geraten. Auch du wurdest schon mal als parachute journalist bezeichnet. Bist du einer?

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Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.

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