Jay Rosen: Wo sich der Journalismus selbst im Weg steht

Der amerikanische Journalismus-Professor über Missverständnisse in Haltungsfragen, Diversitätsforderungen und den langsamen Wandel im Journalismus

Wer sich mit dem Wandel und der Verantwortung von Journalismus befasst, sollte sich mit den Gedanken von Jay Rosen auseinandersetzen. Der Professor für Journalismus an der New York University beobachtet Bewegungen und Ströme seit Jahren, analysiert sie regelmäßig in großen Publikumsmedien. Im Interview mit Medieninsider spricht er über…:

► … unter Druck geratene Mediensysteme und die Frage, ob der Journalismus in den USA nun von Europa lernen kann

► … Missverständnisse bei Haltungsfragen und Interessenskonflikte im Umgang mit Demokratiefeindlichkeit

► … Missverständnisse in Diversitätsfragen mit Blick auf die Objektivität

► … Ansätze des lösungsorientierten Journalismus


Der amerikanische Journalismus hat ziemlich von Donald Trump profitiert. Jetzt ist er weg, zumindest als Präsident. Wie geht’s der Branche damit?

Donald Trump war gut für Einschaltquoten und Abos, er hat das Interesse an Nachrichten befeuert. Ich glaube aber nicht, dass irgendjemand diese Art von Aufregung rund um seine Tweets vermisst. Die ernstere Frage ist: Was passiert, wenn er wieder kandidiert? Denn sein ganzer Ansatz ist es, den Journalismus und das Vertrauen darin zu zerstören. Er sagt seinen Anhängern: ‚Die Presse kritisiert mich, weil sie euch hasst.‘ Wie sollte der Journalismus darauf reagieren? Ich glaube, die Branche drückt sich vor der Frage, weil so viel auf dem Spiel steht.

Aber die Journalisten müssen doch etwas aus den Trump-Jahren gelernt haben?

Unsere Journalisten haben gelernt, manchmal zu sagen: ‚Das ist eine Lüge.‘ Das haben sie vorher nicht so oft getan. Journalisten sollten sich nicht daran beteiligen, jemandem eine Plattform zu bieten, der damit Desinformationen verbreitet. Die Herausforderung ist es, trotzdem über die Nachrichten zu berichten. Die Presse wird sich endlich der Tatsache bewusst, dass einige Leute antidemokratisch sind. In dieser Gruppe gibt es nicht nur Populisten, sondern auch Faschisten. Die erstarkte rechte Bewegung ist eine echte Gefahr für die amerikanische Demokratie. Im Moment weiß die Mainstream-Presse nicht, was sie dagegen tun soll. Was die Sache verschärft: Das rechte Lager hat jetzt sein eigenes Mediensystem und braucht den Rest der Presse gar nicht mehr. In dieser Umgebung werden Dinge, die wir als Fehlinformation und Desinformation bezeichnen würden, geglaubt und gefördert. Das ist politische Fiktion, auf deren Grundlage aber echte Maßnahmen ergriffen werden, zum Beispiel Gesetzesänderungen. Fox News ist dabei ein äußerst wichtiger Akteur. 

Hat die Bedeutung von Fox News mit dem Abgang von Donald Trump abgenommen oder zugenommen?

Zugenommen! Seitdem Trump weg ist, ist Fox News die Heimat seiner Unterstützer. In gewisser Weise hat Tucker Carlson, die mächtigste Figur im Fox-Programm, Trump als nächtliche Präsenz abgelöst. Es ist eine sehr potente Organisation. 

Sind das wirklich zwei getrennte Welten des Journalismus, oder wechseln manche Reporter auch hin und her?

Das tun nur sehr wenige. Einige Journalisten, die bei konservativen Publikationen anfangen, zum Beispiel der National Review, wechseln vielleicht mal zu CNN oder einer der großen Zeitungen. Aber ein zunehmender Teil der rechten Mediensphäre beschäftigt sich mit Fiktion und Dingen, die nie passiert sind, wie zum Beispiel die gestohlene Wahl. Wenn man erst einmal falsche Geschichten geschrieben hat, ist es für die betreffende Person sehr schwer, zu einem seriösen Medium zu wechseln. Schließlich ist das dokumentiert. 

Viele europäische Länder haben starke öffentlich-rechtliche Medien. Wir hier glauben gerne, dass eine solche Polarisierung bei uns nie stattfinden könnte.

Das ist ein großer Vorteil und erschwert es dieser extremen Propaganda, so viele Menschen zu erreichen. Aber ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass es nicht passieren kann. Es gibt politische Kräfte auf der extremen Rechten, auch in Deutschland. Wenn es ihnen gelingt, den öffentlich-rechtlichen Medienkomplex ausreichend zu diskreditieren und zum Beispiel Ressentiments gegen die Rundfunk-Gebühren zu schüren, dann könnten sie die politische Unterstützung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schwächen. Das ist Teil ihrer politischen Kampagne gegen ‚die Eliten‘. Man kann dies in Großbritannien beobachten, wo die Konservativen versuchen, die BBC zurückzudrängen. 

Was kann die amerikanische Presse der Welt über den Journalismus in einer polarisierten Gesellschaft beibringen?

Wir haben der Welt in dieser Hinsicht gar nichts beizubringen. Etwa 25 bis 30 Prozent der amerikanischen Wähler sind in vielerlei Hinsicht für den Mainstream-Journalismus verloren. Es ist nicht so, dass sie ihn nicht nutzen. Aber sie misstrauen allem, was sie sehen. Und es geht sogar noch weiter: Wenn eine Geschichte in der Mainstream-Presse erscheint, ist das an sich ein Grund, sie zu ignorieren oder ihr nicht zu glauben. Das ist aktives Misstrauen. Man kann gar nicht genug betonen, wie sehr der Hass auf die Medien selbst ein enormer Mobilisierungsfaktor in der Politik des rechten Lagers ist. Der nationalistische Populismus gewinnt seine Macht aus der Wut auf die Eliten, und die zentrale Elite in diesem System sind die Journalisten. Ressentiments gegen die Presse sind ein politischer Mechanismus. 

Welche Konsequenzen ziehen die seriösen Medien daraus?

Ich tendiere dazu zu sagen, dass sie nicht genug tun. Wir haben gesehen, wie sehr die Republikanische Partei die Haltung und den Ansatz von Trump übernommen hat. Das ist jetzt die Arbeitsweise der Republikaner, auch wenn Trump nicht beteiligt ist. Die Republikaner versuchen zum Beispiel, das Wählen zu erschweren. Oder sie machen es Amtsträgern leichter, Wahlen zu manipulieren. Was die großen Redaktionen getan haben: Sie setzen viel mehr Reporter für die Berichterstattung über Wahlen und Veränderungen im Wahlsystem ein. Die Washington Post hat ein neues Demokratie-Ressort, AP macht etwas Ähnliches.

Müssen sich Journalisten mehr für die Demokratie einsetzen?

Journalisten müssen sich explizit für die Demokratie und ihre Verteidigung einsetzen. Dazu gehören Dinge wie die Berichterstattung über Wahlen, aber auch über Desinformation. Wenn sich eine Partei gegen die Demokratie wendet, und man soll fair über diese Partei berichten, hat man allerdings ein Problem. Man soll schließlich gleichzeitig die Demokratie verteidigen. Leider wird in den USA pro Demokratie zunehmend mit pro Demokraten gleichgesetzt. 

2018 verbrachten Sie einen Sommer in Deutschland, um die Mechanismen der deutschen Presse zu studieren, „German pressthink“ nannten Sie das, Sie schrieben darüber in der FAZ. Wie unterscheidet sich die deutsche von der amerikanischen Presse?

Eine der Säulen des „German pressthink“ ist es, dass der Journalismus dazu beitragen sollte, die Rückkehr des Totalitarismus zu verhindern. Das haben wir in den USA nicht.

Ironischerweise haben die Amerikaner den Deutschen genau das nach dem Zweiten Weltkrieg beigebracht, es war die Grundlage für die Vergabe von Presse-Lizenzen. Muss die amerikanische Presse jetzt von den Europäern lernen?

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Dr. Alexandra Borchardt ist Journalistin mit mehr als 25 Jahren Berufspraxis, 15 davon in Führungspositionen (Süddeutsche Zeitung, Plan W). Sie ist Buchautorin, Beraterin und Professorin. Im April 2020 übernahm sie die Co-Leitung des Studiengangs Medien.Kultur.Journalismus an der Universität der Künste in Berlin, darüber hinaus ist sie u.a. Senior Research Associate am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford. Als journalistische Leiterin ist sie außerdem für das Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School verantwortlich. Foto: Ina Abraham

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