Social-Media-Knigge: Diese Regeln gelten für Redaktionen und Journalisten

Bei Twitter kochen Emotionen schnell mal hoch. Auf einen unüberlegten Post folgt ein veritabler Shitstorm. Der bringt dann nicht nur den Urheber in Misskredit, sondern auch die Institution, für die er arbeitet. Wie gehen Medienhäuser samt ihrer twitterwütigen Journalisten damit um? Medieninsider hat nachgefragt.

In einigen US-Medienhäusern gibt es seit Jahren Mitarbeiter-Richtlinien für das Verhalten in sozialen Netzwerken – auch und insbesondere, wenn es sich um private Accounts handelt. In Großbritannien kann man diesen Trend ebenso beobachten. Ein Vorreiter war die BBC, die bereits 2011 ihre Empfehlungen für die Social-Media-Nutzung ihrer Mitarbeiter unter dem Leitsatz „Don’t do anything stupid“ zusammenfasste. In den vergangenen Monaten haben unter anderem die renommierten Häuser New York Times und Guardian ihre Empfehlungen verschärft. 

Der Guardian legt in seiner Richtlinie den Mitarbeitern nahe, sich bewusst zu machen, dass man auch privat mit seinem Arbeitgeber verbunden werde. Persönliche Äußerungen könnten so leicht als Positionen der Redaktion gewertet werden, auch unabsichtlich. Deshalb empfiehlt der Guardian auch das Löschen alter Tweets. Zudem hält die Zeitung ihre Redakteure an, keine Rechercheergebnisse auf Twitter zu posten, bevor sie beim Guardian erschienen sind. 

Die New York Times geht deutlich weiter. Sie rät ihren Mitarbeitern, Twitter lieber gar nicht erst zu nutzen, um den eigenen und den Ruf der Zeitung nicht zu schädigen. Weiter heißt es in der Richtlinie: „Twitter nimmt zu viel Zeit der Journalisten in Anspruch. Es verzerrt ihre Berichterstattung, indem es ihr Publikum und das Feedback verändert, das sie auf ihre Arbeit erhalten.“

Offiziell drohen bei Nutzung sozialer Netzwerke und Ausrutschern keine Konsequenzen. Trotzdem sind bereits so manche Situationen in Vergangenheit eskaliert: 

► Im Januar 2021 feuerte die New York Times Lauren Wolfe. Sie schrieb in einem Tweet, ihr sei „ein wohliger Schauer heruntergelaufen“, als sie Joe Bidens Hubschrauber bei der Amtseinführung landen sah.

► Im März 2021 sollte Alexi McCammond neue Chefredakteurin der Teen Vogue werden. Dann tauchten zehn Jahre alte Tweets von ihr mit rassistischen Untertönen auf. Sie musste sich von dem neuen Job zurückziehen.

► Im Mai 2021 wurde AP-Reporterin Emily Wilder entlassen, nachdem sie pro-palästinensische Posts retweetet hatte.

Es sind Vorfälle über Nähe und Distanz, über Objektivität und Subjektivität, Hass und Hetze, die Journalisten in den sozialen Netzwerken zum Verhängnis werden – aber auch öffentlich ausgetragene Redaktionskonflikte. Erst in diesem Monat eskalierte ein solcher bei der Washington Post.

Politik-Reporterin Felicia Sonmez kritisierte einen anderen Redakteur ihrer Zeitung für seine Social-Media-Aktivitäten. Ihr Kollege Dave Weigel hatte Anfang Juni einen sexistischen Post retweetet, Sonmez teilte dies mit dem sarkastischen Kommentar: „Es ist fantastisch, bei einer Zeitung zu arbeiten, wo Retweets wie diese erlaubt sind!“  

Weigel wurde daraufhin für einen Monat vom Dienst suspendiert und entschuldigte sich. Theoretisch wäre es damit getan gewesen – hätte sich nicht Washington-Post-Reporter Jose Del Real eingeschaltet. Er bezeichnete Weigels Verhalten als inakzeptabel, kritisierte aber auch Sonmez, indem er behauptete, sie hätte „das Internet gegen Herrn Weigel aufgehetzt.“ 

Es folgte eine Schlammschlacht, Sonmez kritisierte die Kultur in der Redaktion, zahlreiche Kollegen kritisierten sie. Die Konsequenz: Felicia Sonmez wurde vergangene Woche gefeuert, „wegen Fehlverhaltens wie Ungehorsam, Verunglimpfung von Kollegen im Internet und Verletzung der Post-Standards für Kollegialität und Inklusion am Arbeitsplatz.“

Der Fall befeuert erneut eine immer wieder aufkommende Debatte über Verhaltensregeln, speziell für Journalisten, in sozialen Netzwerken. Auch in Deutschland wird immer mal wieder über Richtlinien, ihre Ausführlichkeit und Angemessenheit diskutiert. 

So gehen deutsche Redaktionen mit den Social-Media-Aktivitäten ihrer Mitarbeiter um

Medieninsider hat mehrere Redaktionen angefragt, welche Richtlinien sie für die private Social-Media-Nutzung ihrer Mitarbeiter aufgestellt haben. Zwölf haben geantwortet:

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Kevin Dusch
Kevin Dusch ist seit 2021 freier Redakteur bei Medieninsider. Journalistisch ausgebildet wurde er an der Axel Springer Akademie. Davor standen Stationen bei lokalen Medien seiner Heimat Rostock wie das Rostocker Journal, die Norddeutschen Neuesten Nachrichten und Radio LOHRO. Zwischenzeitlich verantwortete er in der Corporate Publishing-Tochter von Axel Springer verschiedene Text- und Filmproduktionen. Neben Medienthemen interessiert er sich vor allem für Geschichte und Politik.

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