Bild lädt zum Pressegespräch. Aber halt nur die Medienjournalisten, die in der Vergangenheit nicht allzu gemein waren. Ansonsten ging es zu viel um Heißluftfritteusen und zu wenig Journalismus. Ein Kommentar.
Relevanz, Unterhaltung, Lebensnähe und keine Bange vor KI – das sind laut Bild-Gesamtchefredakteurin Marion Horn die Erfolgsgaranten für Deutschlands immer noch größte Zeitung. Diese Woche soll endlich das schon lang angekündigte Smart Layout starten, mit dem die KI das Beste aus der digitalen Bild-Welt dann nochmal fürs immer noch gedruckte Produkt verdichtet. Die Redaktion ist derweil nicht mehr so ganz in Ressorts aufgeteilt, sondern ins Team First, Team Deep und Team Next umorganisiert, und überhaupt atmet bei Bild alles Zukunft.
Weshalb Bild-Geschäftsführerin Carolin Hulshoff Pol auch sagen kann: „Wer glaubt, dass die Transformation mal endet, hat was nicht verstanden.“ Und damit die Medienbranche das auch wirklich versteht, bekam sie es gestern beim diesjährigen Mediengespräch der Bild-Gruppe nochmals in aller Ausführlichkeit mitgeteilt.

Die Geschäfte laufen, die Zahlen gehen nach oben, bloß bei Print natürlich nicht. Wie genau und vor allem umgerechnet in Euro will man allerdings nicht sagen, weil Axel Springer ja nicht mehr an der Börse ist, sondern nur noch ein „transatlantisches, familiengeführtes Medienunternehmen“ (O-Ton der Konzernmeldung zum Kauf des Daily Telegraph am Dienstag) ist. Immerhin eins scheint klar: Die auch nicht erst seit diesem Jahr angepeilte Zahl von einer Million Abos für Bild Plus lässt weiter auf sich warten.
Der Groll der Chefredakteurin
Ausfallen mussten auch die normalerweise kenntnisreich-bissigen Nachfragen von Medieninsider Marvin Schade. Der Gründer des gleichnamigen Fachdienstes war nicht eingeladen, wohl weil er sich den Groll von Marion Horn zugezogen hatte. Sie hatte sich schon letztes Jahr in der Turi-Edition „Agenda 2025“ über den „Mediendienst“ echauffiert, „dessen Geschäftsmodell Bild dissen ist und der nicht müde wird, den größten Dreck über mich und meine Kolleginnen auszukübeln, Hauptsache, die Abos stimmen.“ (Im weiteren Verlauf des Beitrags wünschte sich Horn übrigens „klugen Journalismus“, der „sich traut, sich unbeliebt zu machen“, aber das nur am Rande.)
Ein bisschen Medieninsider hing dann aber doch noch in der Luft, weil der ja schon am Montag gemutmaßt hatte, dass Miriam Hollstein vom Stern zur Bild zurückkehrt. Was Horn dann auch mit den denkwürdigen Worten „die genaue Position hab‘ ich vergessen, sie wird wichtig“ bestätigte.
Wir hätten da so eine Vermutung, denn was bei Bild neben den Digitalumsätzen auch immer weiterwächst, ist die Zahl der stellvertretenden Chefredakteure. Sie stellten beim Termin zahlenmäßig locker die anwesenden Medienjournalisten in den Schatten, und einer von ihnen war auch der heimliche Star des diesjährigen Pressegesprächs: Timo Lokoschat hat seit 2024 den Bild-Kaufberater aufgebaut, weshalb gestern das Wort „Heißluftfritteuse“ fast genauso oft fiel wie „Journalismus“.
Simuliertes Rindfleisch und künstliche Plaque
Die frei verfügbaren Produkttests laufen höchst erfolgreich, weshalb gleich über dem Newsroom das Bild-Testlabor in den Springer-Neubau eingezogen ist, wo gerade simuliertes Rindfleisch in der Testkühlschrank-Reihe darauf wartet, schlecht zu werden.

Daneben steht die Herausforderung an, für den geplanten Elektrozahnbürsten-Test künstliche Plaque zu produzieren. Und nur aufs Transformationsende hoffende Nicht-Versteher werden hier greinen, was das bitte schön mit Journalismus zu tun habe. Denn seien wir mal ehrlich: Auch früher sollen diese sogenannten Anzeigen ja weite Teile des journalistischen Geschäfts finanziert haben.
Denkverbote beim Erschließen neuer Erlösquellen gibt es nicht, so lange der dann auch von Carolin Hulshoff Pol nochmal zitierte Satz beherzigt wird: „Wir müssen uns total verändern – und gleichzeitig muss immer gelten: Persil bleibt Persil.“ Ach nee, es muss natürlich „Bild bleibt Bild“ heißen.
KNA




