Wieso es für die Rettung des Journalismus nicht immer einen Jeff Bezos braucht

Besonders regionaler und lokaler Journalismus wird für große Verlage zunehmend ein unattraktives Geschäft. In den USA gibt es bereits erste Städte ohne täglich erscheinendes Medium. Das schadet der Demokratie, wie Studien belegen. Neue, tragfähige Geschäftsmodelle lassen auf sich warten, doch für den Journalismus gibt es Hoffnung – auch ohne Jeff Bezos. Alexandra Borchardt nennt Beispiele.

Was passiert, wenn Journalisten ihre Arbeit einstellen müssen, weil Medienhäuser sich am Markt nicht mehr behaupten können? Oder weil niemand mehr einen zunehmend unattraktiven, womöglich sogar gefährlichen Beruf ergreifen will? Forscher sagen: Dann wird die Demokratie schwächer. 

Eine Studie zu elf Städten in Kalifornien kam über einen Zeitraum von zwanzig Jahren zu dem Ergebnis, dass weniger Menschen zur Wahl gehen oder für das Bürgermeisteramt kandidieren, wenn die Zahl der Lokalreporter sinkt. 

► Laut King’s College in London sind . Bürgerinnen und Bürger aus Gemeinden, die keine Lokalreporter mehr hätten, anfälliger für Gerüchte und Falschinformationen. 

► Gemeinden gehen weniger verantwortlich mit Geld um, wenn es keine Reporter mehr gibt, die ihnen auf die Schliche kommen können, so eine Untersuchung der University of Notre Dame aus dem US-Bundesstaat Indiana. „Wenn es keinen Lokaljournalismus mehr gibt“, so Forscher Paul Gao, „klettern auch die langfristigen Finanzierungskosten für Städte – stärker als in benachbarten Gemeinden.“ Dieser Effekt trete immer dann ein, wenn die letzte Zeitung am Ort dichtmache und folglich niemand mehr das Treiben der Offiziellen beaufsichtige.

Auf freie und unabhängige Medien vertrauen zu können ist also selbst in Demokratien keine Selbstverständlichkeit mehr. In den USA spricht man von news deserts, Nachrichtenwüsten, wenn es in ganzen Landstrichen keine Regionalzeitung mehr gibt. Laut einer Studie waren 2018 schon 1300 Gemeinden betroffen. Die Website usnewsdeserts.com dokumentiert diese Entwicklung. 

Die Praxis bestätigt die Theorie

In anderen Teilen der Welt kann wenigstens der öffentlich-rechtliche Rundfunk diese Lücke stopfen, der den Bürgerinnen und Bürgern eine Grundversorgung mit Nachrichten bieten muss. Nicht so in den USA, wo das bundesweite National Public Radio eher eine Nebenrolle in der Medienlandschaft spielt. Dort kann man deshalb recht gut studieren, was mit der Demokratie geschieht, wenn die Lokalzeitung dicht macht. 

In Youngstown, einer Stadt im US-Bundesstaat Ohio, stellte im August 2019 die örtliche Tageszeitung Vindicator nach 150 Jahren Bestehen ihren Betrieb ein. Mit etwa einer halben Million Einwohnern in der Metropolregion ist Youngstown damit die erste Stadt dieser Größe ohne eine eigene Tageszeitung. 

Der Dekan der Newhouse School an der Syracuse University im US-Bundesstaat New York brauchte nicht viel Fantasie, um die Folgen dieser Schließung vorauszusehen: 

„Dann gibt es keine Berichterstattung mehr über die Sitzungen des Schulbeirats, des Stadtrats, über die Polizei oder die Gerichtsverfahren. Die Demokratie, wie wir sie kennen, wird in Youngstown sterben.“ 

So zitierte ihn Margaret Sullivan, die Medienkolumnistin der Washington Post, deren im Juli dieses Jahres erschienenes Buch “Ghosting the News – Local Journalism and the Crisis of American Democracy” den Niedergang des Lokaljournalismus in den USA nachzeichnet. Der Vindicator hatte Millionenverluste angehäuft, bis sein tatsächlich noch wohlmeinender Besitzer keine Wahl mehr zu haben glaubte, als die Zeitung zuzusperren. 

Wie die Rettung des Journalismus auch ohne Jeff Bezos funktioniert

Javier Borelli hat Ähnliches erlebt. Der Argentinier arbeitete als Reporter und als Außenpolitik-Redakteur für die Zeitung Tiempo Argentino, als deren damalige Besitzer nach der Wahlniederlage der Regierungspartei Ende 2015 beschlossen, das Unternehmen abzuwickeln. Im Februar 2016 stellten sie den Druck ein. Javier und seine Kollegen waren zunächst schockiert, ehe sie dann die Redaktion besetzten. Sie organisierten öffentliche Aktionen, überlegten und rechneten hin und her, um schließlich im April selbst die Geschäfte zu übernehmen – als Kooperative.

Borelli wurde zum Chef gewählt. „Wir waren nur Journalisten, wir mussten uns einiges beibringen“, sagt er. „Es war unsere kleine Revolution. Indem wir alles selbst übernommen haben, haben wir auch die journalistischen Werte zurückerobert und über die Dinge berichtet, die wirklich relevant für die Gesellschaft sind.“ 

Es sei manchmal eine Herausforderung, den Redaktionsalltag zu organisieren. Um das zu demonstrieren, zeigt Borelli gerne den Schichtplan, der dem Stundenplan eines Zehntklässlers gleicht. Bei der Zeitung, die am Wochenende gedruckt und unter der Woche nur digital erscheint, bestimmt jeder Mitarbeiter oder jede Mitarbeiterin, wann er oder sie wie viel arbeitet, in einer Kooperative gibt es schließlich viele Entscheider. Dennoch machte das Beispiel Tiempo Schule. 

In Argentinien gibt es heute ein Netzwerk von in Eigeninitiative gemanagten Medienunternehmen, die sich zum Teil über Mitgliedsbeiträge ihrer Leserschaft finanzieren. Borelli sagt: „Ich bin stolz darauf, was wir geschaffen haben, aber es ist nicht einfach, inmitten der Branchenkonzentration zu überleben. Wir müssen uns weiterentwickeln.“ 

Dass wirksamer Journalismus auch ohne einen Jeff Bezos im Rücken funktioniert, wie ihn die Washington Post als finanzstarken Eigentümer aufbieten kann, zeigen viele kleine Organisationen überall auf der Welt. 

In Puerto Rico etwa gelang es einer Miniredaktion von gerade einmal zehn Vollzeitredakteuren innerhalb von elf Tagen, Gouverneur Ricardo Rossello zum Rücktritt zu bewegen. Das dort ansässige gemeinnützige Center for Investigative Journalism (CPI) hatte Zugang zu Chats des Gouverneurs bekommen, in denen dieser und enge Mitarbeiter sich abfällig über die von Krisen gebeutelten Bürger ausgelassen, sich selbst aber Privilegien eingeräumt hatten. 

Evan Smith, Mitgründer der gemeinnützigen News-Website Texas Tribune, glaubt, dass es für bestimmte Sorten Journalismus, die existenziell für die Demokratie sind, keine gewinnorientierten Geschäftsmodelle gibt. „Es lässt sich kein Dollar verdienen mit Berichterstattung über das, was im Rathaus passiert.“ Journalismus sei ein öffentliches Gut. 

Die mehrfach preisgekrönte Tribune liefert dieses Gut mit unabhängigem Journalismus über alles, was die Bürger angehen sollte. „Wir gehen dahin, wo es langweilig und kompliziert wird, wo Milliardenbudgets verwaltet werden“, sagt Smith. Strikte Neutralität sei oberstes Gebot: „Wir nehmen Unparteilichkeit ernst wie einen Herzinfarkt.“ Er und seine Kollegen gingen nicht wählen, stellten keine Wahlplakate in ihre Vorgärten, auch Autoaufkleber seien für sie tabu. „Unsere Philosophie ist: Wenn die Texaner klüger sind, macht das Texas besser.“ Es ist der Geist der Aufklärung, den Smith da beschwört, für den Qualitätsjournalismus zu den Grundnahrungsmitteln gehört.

Jedoch wird dieser Geist nicht überall und schon gar nicht von allen als hohes Gut betrachtet.


Buchcover; Dudenverlag

Bei der Kolumne handelt es sich um eine gekürzte und exklusiv für Medieninsider angepasste Fassung des Kapitels In welche Fallen Journalisten immer wieder tappen aus dem Buch Mehr Wahrheit wagen – Warum die Demokratie einen starken Journalismus braucht von Alexandra Borchardt. Erschienen im März 2020 im Dudenverlag.


Lesetipp

Kennst du schon unseren Kolumnisten Dietmar Schantin? Auch er veröffentlicht regelmäßig bei Medieninsider.

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Alexandra Borchardt
Alexandra Borchardthttps://alexandraborchardt.com/
Dr. Alexandra Borchardt ist Journalistin mit mehr als 25 Jahren Berufspraxis, 15 davon in Führungspositionen (Süddeutsche Zeitung, Plan W). Sie ist Buchautorin, Beraterin und Professorin. Im April 2020 übernahm sie die Co-Leitung des Studiengangs Medien.Kultur.Journalismus an der Universität der Künste in Berlin, darüber hinaus ist sie u.a. Senior Research Associate am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford. Als journalistische Leiterin ist sie außerdem für das Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School verantwortlich. Foto: Ina Abraham

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