Der Ukraine-Krieg braucht ikonische Fotos 

Im deutschsprachigen Raum wird gerne moralisiert. Auch in Bezug auf den Krieg in der Ukraine hören wir derzeit wieder Stimmen, die sich über die Art und Weise der Berichterstattung echauffieren. Wieder einmal geht es auch um die Bilder, die gezeigt werden. Zu detailliert, erschütternd, verstörend. Es „müssen nicht alle Informationen auch visuell gezeigt werden“, heißt es dann. Doch. Müssen sie. Denn sie zeigen die Realität. Auch der Krieg in der Ukraine braucht eine Ikone. 

Eine Mutter, Tetiana, ihr Sohn Mykyta, ihre Tochter Alisa Perebyinis sowie ihr Helfer Anatoly Berezhnyi sind tot. Sie wurden während ihrer Flucht von einer russischen Granate getroffen. Tot liegen sie am Straßenrand in Irpin, nahe Kyiv. Der Kleine hat noch seinen Rucksack auf den Rücken geschnallt, neben ihnen liegen Koffer, gepackt mit dem Notwendigsten. Die ganze Welt bekommt ihre leblosen Körper zu sehen, inklusive blutverschmierten Gesichtern. Reporterin Lynsey Addario war vor Ort, die New York Times druckte ihr Foto auf der Titelseite. Es ist ein Bild persönlicher Tragödie. Aber auch ein Beweis für schwere Kriegsverbrechen. Denn das russische Militär beschoss die Fliehenden gezielt, wie Lynsey beschreibt.

Titelseite der New York Times vom 7. März 2022

Eine Medienethikerin meint, man hätte dieses Bild verpixeln sollen. Sie meint, die Angehörigen könnten durch die Veröffentlichung des Bildes traumatisiert werden. Der Familienvater, Serhiy Perebyinis, sagt: „Die ganze Welt soll sehen, was hier passiert.“ Bei den ethischen Debatten geht es aber immer auch um den Schutz des Publikums. Bilder seien verstörend, ja sogar traumatisierend. 

Ja, die Realität draußen in der Welt kann verstörend sein. Sie kann traumatisieren. Aber sie ist die Realität. Die Realität eines sinnlosen und brutalen Krieges, bei dem die Welt nicht wegschauen darf. Es ist etwas anderes als die Dokumentation eines Verkehrsunfalls. 

Ich glaube nicht an die Bevormundung des Publikums. Ich halte es da mit NYU-Professorin Lauren Walsh, deren Buch „Conversations on Conflict Photography“ eine exzellente, weil realitätsnahe, Diskussionsgrundlage ist. Realitätsnah, weil die Stimmen im Buch eine weite Bandbreite an Erfahrungen und Sichtweisen widerspiegeln. Es ist allerdings kein Buch mit einer einzelnen oder einfachen These. Für Medienmacher ist es eine Anregung zum Nachdenken, genau wie die besten Fotos es eben für das Publikum sind.

Das Publikum ist wesentlich fähiger, selbst zu bestimmen, wie es mit schockierenden Bildern umgeht, als die Mahner es ihnen unterstellen. Die Argumente vieler Medienethiker sind elitär und sprechen der Öffentlichkeit die Fähigkeit zur Selbstbestimmung ab. Wer so Medien macht, macht sie nicht im Sinne der Aufklärung, sondern der Erziehung.

Öffentliche Meinung braucht Ikonen

Das Foto ist ein mächtiges Medium. Fotos fangen Momente ein und dokumentieren sie. Sie bleiben eher im Kopf als schnelle, per Video eingefangene Sequenzen oder das geschriebene Wort. Warum? Die Antwort lautet: Cognitive Science.

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Andreas Gebhard
Andreas Gebhard
Andreas Gebhard ist Gründer der Unternehmensberatung Forward Momentum, LLC und hilft Start-ups, Innovationsteams in Großunternehmen und Mittelständlern dabei, ihre Ziele umzusetzen (und manchmal auch, sie erst zu definieren). Er war früher selbst Journalist und hat Redaktionsteams in Deutschland und den USA geleitet. Von New York, Berlin, oder anderswo in der Welt blickt er auf die deutsche Medienlandschaft und gibt hier mit einem outside view Denkanstöße für alle Medieninsider.

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