Ein unwürdiges Jahresende für den Spiegel

Ausgabe #1/2023

Hallo Medieninsider!

Wir wollen auch in diesem Newsletter nach vorne schauen und den Jahresstart nutzen, um den Blick für neue Herausforderungen und Chancen zu schärfen. Dafür erwarten dich in diesem Newsletter wieder lesenswerte Prognosen von Medienexperten. Vorher werfen wir aber noch mal einen kurzen Blick zurück – einfach um der Krisenkommunikation des Spiegel etwas entgegenzusetzen.

Möglicherweise erinnerst du dich: Im November berichteten wir bei Medieninsider, dass das renommierte Nachrichtenmagazin mehrere Berichte über eine Gruppe von Flüchtlingen am Grenzfluss Evros offline genommen hatte. Wir lieferten die Hintergründe gleich mit: Es gab Zweifel am Wahrheitsgehalt der Storys und speziell an der Existenz des dort beschriebenen Mädchens Maria. Die Flüchtlinge und auch der Spiegel hatten behauptet: Maria sei auf der Insel gestorben, weil die griechische Regierung sie nicht gerettet habe.

Der Spiegel hatte die Berichte bereits vor unserer Berichterstattung offline genommen und eine Aufklärung eingeleitet – wohl auch in der Hoffnung, das leise und nahezu unbemerkt tun zu können. Durch unsere Berichterstattung schlug der Fall aber hohe Wellen, zahlreiche deutschsprachige Medien griffen die Story um Maria auf, auch die griechische Presse setzte den Vorfall prominent auf die Agenda. Wir taten dies, weil die Flüchtlingsstory im Sommer 2022 große Aufmerksamkeit erhielt und viel diskutiert worden war. Der Spiegel berichtete intensiv. Wir taten dies auch, weil der Spiegel nach dem Fall Relotius sicherstellen wollte, dass solch schwerwiegende Fehler oder gar Manipulationen frühzeitig entdeckt und gar nicht erst veröffentlicht werden.

Die Aufklärung in Sachen Maria ist mittlerweile abgeschlossen. Der Spiegel hat die Berichte minutiös nachrecherchiert und seine Erkenntnisse in einem ausführlichen Beitrag zusammengetragen. Es ist ein vorbildlicher Umgang mit so einem Fehler. Man wünscht sich mehr davon, nicht nur beim Spiegel.

Was gar jedoch nicht geht: der Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Die Aufarbeitung im Fall Maria erschien am Freitagabend um 18.24 Uhr – und damit auch noch am Abend vor Silvester. Es liegt die Vermutung nahe, dass man sich davon erhofft hat, dass diese unangenehme Causa damit nicht noch einmal prominent ausgebreitet wird.

Sollte das die Strategie gewesen sein, muss man sagen: Sie ist weitgehend aufgegangen. Im Wochenend- und Feiertagsmodus wurde die Rekonstruktion in vielen Redaktionen zumindest übersehen. Am Dienstagmorgen spuckte Google News lediglich eine Handvoll Beiträge dazu aus.

Der Umgang mit dem Umgang führt den Transparenzgedanken ad absurdum. Es wirkt, als wolle man weiter etwas verheimlichen. So ein Vorgang ist kein Fall für Taktik, sondern für Geradlinigkeit. So etwas ist einem Nachrichtenmagazin wie dem Spiegel, der in der Rekonstruktion auch noch einmal seine Standards betont, unwürdig.

Um ein zentrales Rechercheergebnis vorwegzunehmen: Der Spiegel hat auch nachträglich keinen Beweis gefunden, dass Maria auf der Insel gestorben ist. Es gibt auch keine stichhaltige Beweislage dafür, dass das Mädchen tatsächlich existiert hat. Die gesamte Rekonstruktion kannst du hier nachlesen.

Auch wenn der Spiegel darum bemüht war, den Fall im vergangenen Jahr zu lassen, sollte er ihn damit nicht abschließen. Nach der Aufarbeitung sind keine Konsequenzen spürbar, auch wurden keine kommuniziert. Um den Blick nach vorne zu richten: Für 2023 sollte sich der Spiegel sich vornehmen, welche zu ziehen und seine Qualitätsstandards wirklich zu verschärfen.

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Und damit wären wir beim Ausblick auf 2023 und dem zweiten Teil unserer Serie zu den Medientrends. Auch zu diesem Jahreswechsel haben wir wieder zahlreiche Experten dazu eingeladen, ihre Gedanken, Prognosen und Wünsche mit uns zu teilen. Wir halten es für wichtig, sich zum Start eines neuen Jahres zu fragen: Was kommt auf uns zu, was wird wichtig – und was weniger?

Während wir vergangene Woche einen speziellen Blick auf Social Media und Plattformen geworfen haben, widmen wir uns in dieser Woche einigen anderen Themen:

Unsere geschätzte Kolumnistin Alexandra Borchardt sieht ein Jahr im medialen Klimawandel vor uns. Das gilt für die globalen Herausforderungen in der Berichterstattung, aber auch das Klima in den Medienhäusern. Preisstratege Florian Bauer blickt aufs (digitale) Abo- und Vermarktungsgeschäft und Journalist und Unternehmer Sebastian Esser erklärt, welche Reaktion er auf die nun sehr konkrete Gefahr der Künstlichen Intelligenz erwartet. Hier sind ihre lesenswerten Beiträge:

Alexandra Borchardt: Ein Jahr im medialen Klimawandel


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Florian Bauer: Devise im Abo-Geschäft: Halten, halten, halten!


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Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.

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