Superwahljahr 2021: die neue stern-Partei

Das Superwahljahr 2021 hat begonnen, Politik wie auch Medien bringen sich in Stellung. Das gilt auch für den stern – allerdings kann man die Frage aufwerfen, ob er dies in der Rolle des Journalismus tut. Seine Ausgaben wirken wie Wahlplakate, die Reihe der Titelstorys liest sich wie ein Parteiprogramm. Ein Kommentar.

Im Wahljahr 2021 wird sich einiges ändern. Zum ersten Mal seit vielen, vielen Legislaturperioden wird der Bundeskanzler oder die Kanzlerin nicht mehr Angela Merkel heißen, möglicherweise wird das Amt auch nicht mehr von der CDU bekleidet werden. Wer weiß das schon? Das Rennen ist offen – und nun steigt auch noch eine neue Partei ein in den politischen Wettbewerb.

Am Parteienfirmament geht ein Stern auf. Sorry, der stern.

Wer steckt dahinter und was will diese Partei?

An der Spitze der neuen stern-Partei steht ein Führungstrio: Seit zwei Jahren stellen der Vorsitzende Frank Thomsen und die beiden Spitzenkandidaten Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless die Partei intern auf, um nun einen Wahlkampf der klaren Positionen zu fahren. Auszüge aus ihrem bisherigen Wahlprogramm:

Klimawandel: „#keingradweiter“ fordert die neue stern-Partei und rief bereits zum Klimastreik auf. „Die Klimakrise gehört wieder nach ganz oben auf die Liste der globalen Prioritäten“, sagt Gretemeier. Das Programm zur Klimapolitik mitgeschrieben haben die Aktivisten von Fridays for Future.

Gleichberechtigung: Die stern-Partei setzt sich für die Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Frauen ein. „Ich bin eine Quotenfrau“, so der Titel der Kampagne. Die Partei gewinnt prominente Unterstützer für sich.

Kulturförderung: In der aktuellen Coronapolitik setzt sich die stern-Partei aktiv für die Kulturbranche ein, holte sich prominente Gesichter an die Seite ihrer Kampagne, in der sie um Spenden für „Backstage-Helden“ warb.

Arbeit & Soziales: In dem Programmpunkt setzt sich die Partei besonders für eine Verbesserung der Zustände in den Bereichen Pflege und Gesundheit ein. „Pflege braucht Würde“, ruft stern vom Wahlplakat. Bei dem Thema greift die Partei mit konkreten Forderungen und einer Bundestagspetition aktiv in die Politik ein.

Um die Botschaften unters Volk zu bringen, verfügt stern über einen nicht zu unterschätzenden Kommunikationsapparat. Wöchentlich erreicht stern die potentielle Wählerschaft über ein eigenes Magazin, der Online-Auftritt wurde im Dezember knapp 59 Millionen Mal besucht. In den „Newsrooms“ von SPD und Union werden beim Gedanken daran die Augen ganz feucht. Aber:

Möglicherweise liegt hier ein Missverständnis vor. Möglicherweise ist stern gar keine Partei, sondern ein journalistisches Magazin und der Parteichef dessen Publisher, das Spitzenkandidaten-Duo die Chefredakteure.

Die stern-Chefredakteure Florian Gless und Anna-Beeke Gretemeier, Foto: Carolin Windel

„Wir haben abgetrieben“ vs. „Ich bin eine Quotenfrau“

Henri Nannen gründete den stern einst als Illustrierte, entwickelte ein Reporter- und gleichermaßen Gesellschaftsmagazin von höchster Relevanz. Nannen gehörte zu den großen Journalisten und Herausgebern seiner Zeit. Das war einmal, leider.

Nannen ist verstorben und nach ihm gingen auch die wirtschaftlich glorreichen Zeiten. Wer heute überleben und auffallen will, muss sich etwas überlegen. Manche versuchen es noch mit Journalismus. Andere eben nicht.

Beim stern, so gewinnt man den Eindruck, will man noch einmal an die Erfolge des Gründers und langjährigen Chefredakteurs anzuknüpfen. Dafür ließ man sich offenbar, und so hört man es auch aus den Reihen des Gruner+Jahr-Verlags, vom legendären Titel „Wir haben abgetrieben“ inspirieren.

1971 veröffentlichte der stern eine Liste von 374 Frauen, die abgetrieben haben oder sich unterstützend zu Abtreibungen bekannten. Organisiert hatte sie Alice Schwarzer, deren politischen Appell gegen die strafrechtliche Verfolgung von Abtreibungen der stern ebenfalls abdruckte. Der Titel trat eine gesellschaftliche Debatte los, eine Welle der Solidarisierung. Es entstand eine Bewegung, und das Magazin legte ihren Grundstein.

Der stern thematisierte damals den Tabubruch, der heutige stern ist einer

Er überschreitet berufsethische Grenzen, geht über das Beschreiben, Thematisieren und Anprangern von Missständen hinaus, mit seinen Forderungen, Aktionen und Petitionen ist er handelnder Akteur und Aktivist. Das alles wirkt kalkuliert, fast schon krampfhaft. Und das in einer Zeit, in der über Haltung versus Neutralität, die Verantwortung der Medien heiß diskutiert wird. Für den stern lautet die Frage: Zu welchem Preis?

Von seinem Fridays-For-Future-Titel verkaufte der stern am Kiosk etwas mehr als 106.500 Exemplare und lag damit gerade mal im Rahmen der vergangenen Ausgaben, die Quotenfrauen kamen unter 94.000 Einzelverkäufe, die Spenden-Aktion für die „Backstage-Helden“ war mit knapp über 89.000 Verkäufen sogar ein neuer Minusrekord. Die Wählerwanderung blieb aus.

Nicht falsch verstehen: Die Missstände, die der stern thematisiert, sind nicht klein- oder wegzureden. Wenn der stern dafür seine Neutralität aufgeben möchte, kann er das natürlich. Im Fall des Klimatitels hat die Chefredaktion dies ganz bewusst getan, gegenüber Medieninsider bekräftigt sie noch einmal:

„Der stern mischt sich ein, das hat er immer schon getan.“ 

„Wenn wir glauben, Dinge positiv und zukunftssichernd verändern zu können, versuchen wir das.“

„Diese Tradition setzen wir mit Leidenschaft fort, denn so verstehen wir modernen Journalismus: dass wir für die gute Sache auch mal aufs Spielfeld gehen und nicht nur am Rand stehen und zuschauen.“

Manche erkennen genau darin aber womöglich keinen Journalismus mehr.


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Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.

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