News Avoidance: Fünf Gründe, weshalb Menschen Medien meiden

Medienverdrossenheit hat nicht immer etwas mit dem Glaubwürdigkeitsproblem der Medien zu tun. Es sind andere Gründe, die beim Publikum zur News Avoidance führen – hier sind fünf davon.

Der Journalismus stecke in einer Vertrauenskrise. Diese Aussage darf in kaum einer Rede zur Lage der Medienbranche fehlen, und doch ist sie mittlerweile mehr Allgemeinplatz als empirisch belegt. Denn gerade während der Pandemie sind die Vertrauenswerte für journalistische Angebote zum Teil deutlich gestiegen, gerade in Deutschland. Etablierte Nachrichten-Marken schlagen dabei insbesondere das um Längen, was sonst auf digitalen Kanälen an Informationen verbreitet wird. Zwar radikalisiert sich eine kleine, medienfeindliche Minderheit erheblich, was das Leben für Reporterinnen und Reporter gefährlicher macht. Aber mit generellem Misstrauen hat das nichts zu tun. 

Was Medienschaffende dagegen wirklich umtreiben sollte, ist die Aufmerksamkeitskrise: Etwa jeder Dritte ignoriert das Nachrichtengeschehen, bei jungen Leuten in Deutschland ist es fast jeder Zweite. Für Redaktionen schlummern hier nicht nur erhebliche Möglichkeiten, zusätzliche Kunden (wieder) zu erreichen, womöglich mit einem veränderten Angebot. Medien müssen sich auch fragen, ob sie ihrer Rolle in der Demokratie noch gerecht werden, wenn sie zu vielen Menschen gar nicht mehr durchdringen.

Geht der Journalismus am Überdruss seines Publikums zugrunde? 

Forscherinnen und Forscher beschäftigen sich seit kurzem verstärkt mit den Gründen der News Avoidance. Auf dem jüngsten Jahrestreffen der International Communication Association, der weltweit wichtigsten Tagung der Kommunikationswissenschaftler, war sie eines der wichtigsten Themen. Aus den Erkenntnissen verschiedener Arbeiten leiten sich wertvolle Hinweise ab, nicht nur für Redaktionen, sondern auch für die Politik. Denn die Ursachen dafür, warum viele Menschen die Beschäftigung mit dem Tagesgeschehen für Zeitverschwendung, ja sogar für kontraproduktiv halten, sind nicht nur inhaltlicher und psychologischer, sondern auch struktureller Art. Hier sind fünf davon:

Erstens: Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Qualität des Mediensystems und dem Phänomen der News Avoidance

In Ländern, in denen der Staat oder einflussreiche Personen stärker in Medien hineinregieren, wenden sich mehr Menschen von Journalismus ab. Dies haben Antonis Kalogeropoulos und Bejamin Toff in ihrem Paper „All the news that’s fit to ignore“ belegt und dafür von der ICA den Preis für den besten Fachartikel des Jahres 2020 bekommen. Dieses Nutzer-Verhalten ist nur rational. Denn wer vermutet, dass der Journalismus nicht unabhängig, sondern irgendwie gesteuert ist, wird sich davon wenig Wert und Aufklärung versprechen.

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Alexandra Borchardthttps://alexandraborchardt.com/
Dr. Alexandra Borchardt ist Journalistin mit mehr als 25 Jahren Berufspraxis, 15 davon in Führungspositionen (Süddeutsche Zeitung, Plan W). Sie ist Buchautorin, Beraterin und Professorin. Im April 2020 übernahm sie die Co-Leitung des Studiengangs Medien.Kultur.Journalismus an der Universität der Künste in Berlin, darüber hinaus ist sie u.a. Senior Research Associate am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford. Als journalistische Leiterin ist sie außerdem für das Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School verantwortlich. Foto: Ina Abraham

4 ERGÄNZUNGEN

  1. Liebe Kollegin, in der Kolumne jagt leider ein Allgemeinplatz den nächsten. Studien sind immer nur so gut wie diejenigen, die sie entweder in Auftrag geben oder machen. Meistens leider „am Thema vorbei“, denn Zahlenmaterial ist nicht alles. Es gibt eine Erwartung, was die Studie belegen soll. Oder eben widerlegen. Zahlen für die enttäuschten ehemaligen Fans gibt es nicht wirklich, aber wer sich auf den Straßen mit vielen Menschen unterhält, bekommt auch grob den Überblick: a. die Nachrichten sind überall gleich (weil die meisten nur noch von Agenturen zukaufen?), es ist immer dasselbe. Ganz zu Schweigen vom Programm im TV am Ziel vorbei: entweder nur Talk mit täglich den gleichen Gesichtern. Oder nur Gerichtsshows, Kochsendungen, Quiz. Kreativ? Eher nicht. Was den „Wahrheitsgehalt“ und das Vertrauen in die Medien betrifft, sehe ich das Problem in der schlechten Ausbildung beim Nachwuchs (wer soll das auch machen?), dem Sparzwang seit Jahrzehnten (für meinen letzten Fachartikel mit fünf Seiten und fünf Fotos bekam ich 100 Euro!) und eben oft den Satz: „Die berichten einseitig“. Das stimmt. Wer nicht mit den Wölfen heult, ist gleich Nazi oder Aluhutträger. Ein paar denken aber selbst? Was an der Uni gelehrt wird, ist in jedem Fach nur Theorie, nicht nur bei Media Schools, auch an „gewöhnlichen“ Unis (z. B. Agrarwissen, Vet)

  2. Jede Art der Erhebung über den Hörer, Leser, Seher oder neudeutsch „user“ der Medien bedingt die Abkehr derer von denselben. Zusammengefasst geht mir zum Beispiel die Tagesschau oder Marietta Slomka am A… vorbei, da ich weiß, dass jede Nachricht – jede – außer die Sportergebnisse, manipulativen Kriterien der Besitzer der Medien unterliegen. Und zwar ausschließlich. Noch mehr zusammengefasst: Habe ich als DDR Bürger die „Aktuelle Kamera“ aus freien Stücken geschaut? Ich erspare mir Beispiele aus dem heute zu nennen. Nur zwei vielleicht. Die Energiewende und ihr wahrscheinliches Mißlingen, da jede Form der Speicherung fehlt. Die „Medien“ sprechen nur über Schritt A. Dass sie Schritt B, die Speicherung, nicht nennen, liegt oft am fehlenden Grundwillen der Journalisten (ich weiß, wovon ich rede, ich arbeite oft mit ihnen) sondern meist am Verbot, darüber zu reden. Natürlich werden sie es leugnen, die Journalisten. Aber Struktur der Verbote sind nicht nur „Dur darfst nicht…“ sondern auch das Lächeln der Chefredakteure beim Wurf des Artikels in den Papierkorb und die fehlenden Anrufe für das Verfassen neuer Artikel danach. Und nun sprechen die „Wissenschaftler“ über Nachrichtenmüdigkeit und versuchen die fehlende Aufmerksamkeit der Menschen gegenüber der Agitation durch das Schwadronieren über noch bessere Möglichkeiten der Anwanzung an das Publikum auszugleichen. Gott, wie armselig.

  3. Ein wichtiger Grund wurde nicht genannt: Die für viele Zuschauer abstoßende Genderei deutscher Besserwissermedien. Ich konsumiere z. B. nur noch Medien in Sprachen, in denen nicht gegendert wird.

  4. Interessante Punkte. Inhaltlich sollte sich einiges an den Nachrichtenprogramm ändern. Früher habe ich oft Nachrichten gelesen und geschaut da es erstmal für das Abi wichtig war, wenn man Französisch als Leistungsfach hatte, denn da beziehen sich die Fragen immer wieder abwechselnd auf Literatur oder „Aktuelle Landeskunde“ aka Nachrichten. Seither habe ich auch mit mehr Interesse angefangen die deutschen Nachrichten zu schauen und leider lässt sich fast immer sehr gut vorhersagen was die Tagesthemen in der Woche sein werden… das ist natürlich auf Dauer langweilig. Zudem kommt es das es kaum kritische Beiträge gibt mit Pro und Contra sowie einfach sachliche Nachrichten. Das traurigste aber ist, dass die politisch unbequemen Themen immer erst dann berichtet werden wenn man als Bürger kaum was dagegen unternehmen kann und somit zukunftsorientierte Nachrichten die breite Masse kaum erreichen (aktuelles Beispiel, die neue Regulierung der EU zum Schutz von Kinderpornografie, deren Umsetzungen wieder mal so schwammig geschrieben sind das 1) 100% Trojana auf jedem Gerät installiert werden, wenn man schon vorm Verschicken Bilder abgleichen möchte, 2) Big Brother lässt sowas von Grüßen und Ciao Digitales Briefgeheimniss 3) wir werden noch leichtere Ziele für Häcker 4) Bürokratie Monster das auf uns zukommt und auch noch mit DSGVO zusammenclashen wird… wenn ich mich nicht aktiv um solche Informationensbeschaffungen kümmere würde ich als Otto-Normal Bürger nichts davon mitbekommen und könnte meine Rechte auch gar nicht nutzen um Einwände kundzumachen). Was ebenfalls bitter ist, meisten bekommt man in den Satire Nachrichten Shows mehr kritische Informationen über die Woche als in den üblichen Nachrichten…. Einfach nur Traurig. Um wirklich informiert zu sein, bleibt einen fast nichts anderes übrig als mehrere Sprachen lesen oder verstehen zu können um Nachrichten aus anderen Ländern zu lesen, hören oder sehen um wirklich mal kritische bzw. andere Sichten auf ein Thema zu erhalten, um sich seine Meinung bilden zu können … und das benötigt sehr viel Zeit die man im Alltag einfach nicht hat.

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