Compliance-Verfahren bei Bild: Julian Reichelt bleibt – Doppelspitze mit Alexandra Würzbach

Über einen Monat nach Eröffnung eines Compliance-Verfahrens wegen möglichen Fehlverhaltens des Bild-Chefredakteurs hat Axel Springer eine Entscheidung getroffen. Julian Reichelt wird aus seiner Freistellung zurückkehren. Der Chefredakteur bleibt im Amt, wird Bild zukünftig aber nicht mehr alleine führen.

In der Pressemitteilung des Konzerns heißt es dazu:

„Der Untersuchungsbericht des Compliance-Verfahrens der Axel Springer SE, das sich mit verschiedenen Vorwürfen bezüglich des Verhaltens von Julian Reichelt befasst hat, liegt vor. Das unternehmensinterne Compliance-Management hatte im Auftrag des Vorstands mit Unterstützung externer Experten über einen Zeitraum von mehr als vier Wochen verschiedene Hinweise auf mögliches Fehlverhalten des Vorsitzenden der Bild-Chefredaktionen untersucht und ausgewertet. Auf Basis der vorliegenden Erkenntnisse hat der Vorstand der Axel Springer SE beschlossen, dass Julian Reichelt seine Arbeit fortsetzt und die am 12. März 2021 auf Wunsch von Julian Reichelt erfolgte Freistellung mit sofortiger Wirkung aufgehoben wird.“

Doppelspitze mit BamS-Chefin Alexandra Würzbach

Reichelt kehrt zurück, Bild wird er zukünftig aber nicht mehr alleine führen. Ab sofort steht neben ihm BamS-Chefredakteurin Alexandra Würzbach als gleichberechtigte Vorsitzende der Chefredaktionen von Bild. Die Journalistin wird neben der Verantwortung für den Sonntagstitel das „übergreifende Personal- und Redaktionsmanagement“ übernehmen. Reichelt soll sich auf die gedruckte Bild sowie die Digitalstrategie inklusive der Bild Live-Aktivitäten konzentrieren. Weiter heißt es: „Für die inhaltliche Ausrichtung aller Produkte der Bild-Gruppe sind Alexandra Würzbach und Julian Reichelt gemeinsam verantwortlich.“


Reichelt: Mathias Döpfners dauerhafte Bewährungsprobe

Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE
Dass die Lage im Axel-Springer-Haus derzeit so eskaliert, hat auch strukturelle Gründe. Und die Verantwortlichen dafür sitzen ein paar Etagen oberhalb der Bild-Redaktion. Ein Kommentar.

Im Compliance-Verfahren ging in den vergangenen vier Wochen eine externe Anwaltskanzlei der Frage nach, ob und inwiefern Julian Reichelt seine Machtposition und Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt hatte. Dabei ging es vordergründig um den Umgang mit Frauen, mit denen Reichelt auch Beziehungen geführt haben soll, aber auch um systematisches Mobbing innerhalb der Redaktion. Zu letzterem Punkt lagen nach Medieninsider-Infos jüngst auch Beschwerden gegen weitere Mitglieder der Chefredaktion vor.

Teil des Compliance-Verfahrens waren mehrere Hinweise auf betroffene Frauen, von denen allerdings nicht alle sprechen wollten, die gesprächsbereiten bestanden dem Vernehmen nach zudem auf Anonymität, was die Ermittlungen erschwert haben soll. Angestoßen wurden die Untersuchungen von mehreren Seiten. So hatte der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre den Kontakt zu Springer-CEO Mathias Döpfner gesucht, Mitte Februar hatte eine Führungskraft von Bild mehrere Vorfälle bei News-Vorstand Jan Bayer gemeldet.


Stuckrad-Barres besondere Rolle im Compliance-Verfahren bei Bild

Autor Benjamin von Stuckrad-Barre. Foto: Stefan Schäfer, Lich, Axel Springer SE Montage: Medieninsider
Der bekannte Popliterat steht in besonderen Beziehungen zu Julian Reichelt als auch zu Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner. Die Hintergründe kannst du hier nachlesen.

Reichelt hatte die Vorwürfe stets bestritten. In seiner Erklärung zur vorläufigen Beurlaubung gab er sich zuletzt kämpferisch. „Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen Bild und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt.“

Julian Reichelt räumt Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen ein

In der Pressemitteilung heißt es nun dazu:

„Entgegen der in einigen Medien kolportierten Darstellung gab es keine Vorwürfe und auch im Untersuchungsverfahren keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung. Julian Reichelt hat die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, die oben genannten Vorwürfe jedoch bestritten.“ Dies habe er auch schriftlich versichert.

Mathias Döpfner: „Er hat Fehler gemacht“

In den persönlichen Verfehlungen, der Vermengung von Privatem und Beruflichem sieht der Vorstand allerdings keine ausreichenden Gründe, Julian Reichelt von der Bild-Spitze abzuberufen, eine solche Entscheidung sei „nicht gerechtfertigt“, heißt es in der Pressemitteilung. „In die Gesamtbewertung sind auch die enormen strategischen und strukturellen Veränderungsprozesse und die journalistische Leistung unter der Führung von Julian Reichelt eingegangen.“

Mit Details zu den Vorwürfen, die Reichelt gemacht werden, hält sich der Konzern weiterhin zurück. Unklar ist damit auch, wie schwerwiegend die Verquickung von Beruflichem und Privatem war. Mit Blick auf Reichelt sagt CEO Mathias Döpfner: „Er hat Fehler gemacht. Nach allem, was im Zuge der Untersuchungen zum heutigen Tage bekannt geworden ist, halten wir eine Trennung aber für unangemessen.“

Reichelt: „Das tut mir sehr leid“

Zum Ende der Pressemitteilung, in der der Vorstand „Änderungsbedarf in der Führungskultur“ erkennt, kommt auch Bild-Chef Reichelt zu Wort:

„Ich weiß, ich habe im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen Fehler gemacht und kann und will das nicht schönreden. Was ich mir vor allem vorwerfe ist, dass ich Menschen, für die ich verantwortlich bin, verletzt habe. Das tut mir sehr leid. Rückwirkend kann ich das nicht mehr ändern, aber ich werde meine Chance jetzt nutzen und mich dafür einsetzen, gleichberechtigt mit Alexandra Würzbach und gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als ein Team eine neue Unternehmenskultur für Bild zu schaffen und vorzuleben.“


Du denkst, dieser Artikel könnte Kollegen, Bekannte oder Freunde interessieren? Verbreite ihn gerne über soziale Netzwerke! Damit hilfst du auch, Medieninsider bekannter zu machen!

Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.
Der kostenlose Medieninsider-Newsletter

Keine unserer Artikel verpassen! Mit unserem Newsletter halten wir dich auf dem Laufenden. Er ist kostenlos und du kannst ihn jederzeit abbestellen.