Digitale Transformation: Vielen Verlagen ging es noch zu gut

Die Corona-Pandemie hat die Notwendigkeit unabhängiger und kritischer Medien verdeutlicht. Guter Journalismus wird mehr denn je gebraucht, das zeigen Einschaltquoten, Abrufzahlen und die Zunahme digitaler Abos. Der Erfolg aber sollte über eines nicht hinwegtäuschen. Der wirtschaftlichen Krise in vielen Verlagen hat das kaum einen Abbruch getan. Mit Entlassungen oder sogar Schließungen weiterer Nachrichtenmedien durch die Folgen der Coronapandemie werden die Probleme augenscheinlich verschärft. Medieninsider-Kolumnist Dietmar Schantin meint: Wer es jetzt noch nicht begriffen hat, für den ist es bald zu spät: Wer fortbestehen will, braucht den digitalen Wandel.

Alleine in den USA hat die Wirtschaftskrise wieder zahlreichen Nachrichtenmedien die Existenz gekostet, Hunderte stellten und stellen ihre Erscheinungsweisen um, tausende Journalisten verloren ihren Job. Die Entwicklung ist weltweit die gleiche: Werbefinanzierter Journalismus gerät weiter unter Druck. Die Krise hat die Bedeutung des regionalen beziehungsweise lokalen Journalismus noch einmal unterstrichen, aber besonders hier spitzt sich die Lage zu. Vor allem unter jenen, die den digitalen Wandel und seine Bedeutung bislang nicht wirklich beherzigt haben. 

Die Zukunft liegt in den Händen der Verleger, nicht beim Staat

Mit der Krise wurden auch die Rufe nach staatlicher Hilfe, nach Subventionen oder Rettungspaketen wieder lauter. Wir können aber keinen „Marshallplan“ für die Presse erwarten, das Risiko für einen unabhängigen Journalismus wäre zu groß. 

Die Zukunft liegt in den Händen der Verleger, Unternehmer und ihrer Manager. Der Wandel beginnt im Kopf und er erfolgt von oben, von der Spitze des Unternehmens, nach unten. Zwar haben viele Medienunternehmen während der Pandemie gezeigt, dass sie fähig zum Wandel sind und teils auch sehr schnell reagieren können. Für jene aber besteht nun die Herausforderung darin, diese Wandlungsfähigkeit nachhaltig zu verinnerlichen und vor allem zu systematisieren. Medienunternehmen müssen lernen, nicht nur in der Krise schnell zu schalten. 

Das bedeutet, digitalen Wandel zu konzipieren und Strategien konsequent zu verfolgen. Medien müssen ihre Leser besser kennenlernen, um entsprechende Inhalte aufzubereiten, für die sie bereit sind zu zahlen. Datenanalysten und Entwickler sind ebenso Teil einer Redaktion wie Journalisten. Digitalisierung bedeutet nicht, Inhalte einfach nur ins Internet zu übertragen, sondern sie kreativ für die Endgeräte aufzubereiten, auf denen das Publikum unterwegs ist. Medienhäuser, die sich früh auf den Weg gemacht und den digitalen Wandel ernst genommen haben, erkennen jetzt die Vorteile ihrer Bemühungen und profitieren von steigenden Digital-Abos. Sie können sich darauf konzentrieren, sie auch über die „Corona bump“ hinaus zu halten. 

Vielen ging es noch zu gut

In vielen Redaktionen und Nachrichtenorganisationen steht der radikale Kulturwandel aus. Vielen ging es noch zu gut. Sie müssen handeln, bevor es zu spät ist, denn Transformation kostet Zeit und Geld. Die Redaktionen, in denen Print noch immer im Zentrum ihrer Denkweisen und Prozesse stehen, werden schon bald gelähmt sein. 

Die Pandemie war hier hoffentlich ein Weckruf.


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Dietmar Schantin
Dietmar Schantinhttps://www.instituteformediastrategies.com/
Dietmar Schantin begann seine Karriere als Studiomanager beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Österreich, war als Executive Director für das internationale Mediennetzwerk WAN-IFRA tätig und berät heute weltweit Medienmarken bei der Transformation ihrer Newsrooms ins digitale Zeitalter. 2012 gründete er dazu die Beratung IFMS mit Sitz in Großbritannien und Österreich. Seine Expertise brachte er beim Wall Street Journal und anderen Dow Jones Medien ein, wie auch bei Ringier Schweiz, der Telegraph Media Group, Hindustan Times oder New Zealand Herald.

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