Wie würdest du 220 Millionen Euro Medienförderung verteilen?

Hallo Medieninsider!

Was dich in dieser Woche im Lese-Letter erwartet:

► Wie die Presseförderung von 220 Millionen Euro verwendet werden könnte  

► Wie Mathias Döpfner beim Milliardengeschenk Steuern sparen könnte

► Wie es um die Kurzarbeit bei Medien steht 

► Wie sich Paid Content auf Lokalmedien auswirkt


Was denkst du, wäre ein guter Maßstab, um Qualität im Journalismus zu bemessen? Klar, die dargestellten Fakten sollten in jedem Fall korrekt sein, eine Berichterstattung ausgewogen. Allerdings sind diese Attribute nicht immer objektiv oder neutral messbar, spätestens bei der Beurteilung der Ausgewogenheit scheiden sich mit Sicherheit die Geister. Was also dann? Vielleicht die Reichweite, die ein Produkt erzielt? Die ist immerhin in jedem Fall zählbar, pro verkaufte Auflage, pro Klick auf einen Artikel oder ein Video. 

Für Philipp Welte, Zeitschriften Vorstand bei Hubert Burda Media und Vizepräsident der Deutschen Zeitschriftenverleger, bedeutet Reichweite gleich Qualität. Das hat er beim VDZ Distribution Summit gestern durchscheinen lassen, wie Ulrike Simon bei Horizont notiert hat

„Ja, natürlich: Qualität entscheidet sich über Auflage, das ist ein neutraler Maßstab.“

Mal unabhängig von der Frage, ob Herr Welte seine eigene Aussage wirklich glaubt, ist sie eine rein politische. Sie steht im Büro Zusammenhang mit der Verteilung von Subventionen, die derzeit vom Staat in Höhe von insgesamt 220 Millionen Euro für die kommenden Jahre in Aussicht gestellt werden. Laut Welte soll die Auflage als Verteilungsschlüssel dienen. 

Das geht sowas von am Kern so ziemlich aller damit in Verbindung stehender Ideen vorbei. 

Auch wenn es sich die Verleger anders wünschen – ihnen geht es vor allem um die Förderung des Vertriebs von Printprodukten, weil der immer teurer wird –, sind die 220 Millionen Euro nun für anderes gedacht: Fürs Vorankommen in der digitalen Transformation, für das Geschäft von morgen, nicht von gestern. Nach Philipp Weltes Anstoß würde zudem jene befeuern, die es wohl am wenigsten bräuchten. Medienunternehmer und Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner hat das bei Twitter passend zusammengefasst:

„Dann bekäme #Bild mehr als #faz #sz #handelsblatt und @tagesspiegel zusammen und die #ADAC Motorwelt mehr als ganz Burda inkl. Rätselhefte“

Auch wenn es nicht die erste Aufgabe des VDZ-Vizes ist, das Politische außen vor zu lassen, ließe sich Transformation dennoch auch mal so verstehen. So sehr der Schuh im Vertrieb drücken mag, so drängen auch schon die Probleme der Zukunft. Für den Blick über den Lobbyismus hinaus ist vor einigen Wochen ein interessantes Gutachten erschienen, das kurz auch schon Thema hier im Lese-Letter war. Für die 220 Millionen Euro haben die Wissenschaftler Christopher Buschow von der Bauhaus-Universität in Weimar und Christian-Mathias Wellbrock von der Universität Köln ein paar Ideen, über die es zumindest mal zu diskutieren lohnt. Wenig erschreckend haben sie nämlich eine „erhebliche Finanzierungslücke für Innovationen im Journalismus“ ausgemacht. 

In Richtung der Politik haben sie deshalb ein paar Handlungsempfehlungen formuliert, von denen sich auch Verlage angesprochen fühlen können, vielleicht sogar sollten, bevor die Politik es tut. 

Die Forscher schlagen vor, von den 220 Millionen Euro einen Teil für die Förderung von Innovationen und Start-ups bereitzustellen – beispielsweise über MediaLabs und Accelerator-Programme, die aktiv bei der Entwicklung neuer Ideen helfen könnten. Auch Projekte etablierter Medien könnten so gefördert werden. Denn: 

„Während private Mittel für Neugründungen und einzelne Medienschaffende kaum verfügbar sind, investieren etablierte Verlage ihre Innovationsbudgets offenbar schwerpunktmäßig in digitalen Geschäftsfeldern abseits des Journalismus.“

Daneben fordern sie die Förderung von Weiterbildung Journalisten und Medienschaffenden, da diese in privatwirtschaftlichen Umfeldern rückläufig sei. Der Staat solle auch bei der Weiterbildung in Unternehmen finanziell unter die Arme greifen. Denn:

„Das Gutachten hat einen Mangel an innovationsrelevantem Wissen, einschlägigen Fertigkeiten sowie an Sach- und Fachkompetenzen im Bereich Innovation und Gründung unter den innovationsbetreibenden Schlüsselakteuren festgestellt.“

Auch fordern sie die explizite Förderung von Diversität in Medienhäusern. Denn:

„Die gezielte Förderung von Diversität in journalistischen Organisationen, d. h. in Bezug auf Geschlecht, soziale Schicht, ethnische Hintergründe, kulturelle Lebenswelt usw., verspricht innovative Marktchancen durch die passgenaue Ausrichtung auf neue Publikumsschichten, deren Lebenswelten heute zumeist noch nicht in Redaktionen repräsentiert sind.“

Mittel der 220 Millionen Euro sollen auch in Projekt fließen, über die Kooperationen entstehen – zwischen Medienhäusern, zwischen Medienhäusern und der Wissenschaft. Denn:

„Schließlich bestehen fundamentale Kooperationsprobleme im Innovationssystem des deutschen Journalismus.“

Die Medienhäuser seien nicht in der Lage, „die bestehenden Herausforderungen der Zusammenarbeit offenbar nicht selbst lösen können“.

Das gesamte Gutachten von Christopher Buschow und Christian-Mathias Wellbrock, das der Branche nüchtern und ausführlich den Spiegel vorhält, findest du noch einmal hier verlinkt. Von ihrer Forschung und ihren Ableitungen berichten sie auch ausführlich im Podcast Was mit Medien, den du hier findest.

– Community –

Über Subventionen für Medien wird oft gestritten, wichtige Werte wie Staatsferne und Unabhängig werden berührt. Wie stehst du zu finanziellen Förderungen aus der Politik und wo würdest du sie am ehesten einsetzen? Schreib mir doch eine Mail, wenn du eine Idee hast, die du gerne teilen würdest oder diskutiere sie in unseren Communities bei Facebook, LinkedIn!

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Friede, Freude, Milliardengeschenk 

Friede Springer reicht die Macht über den einflussreichen Medienkonzern weiter – an Mathias Döpfner. Die Springer-Erbin hat ihrem jahrelangen Weggefährten und Konzern-CEO vergangene Woche Aktien im Wert von rund einer Milliarde Euro geschenkt und ihm ihre restlichen Stimmenanteile überlassen. Das könnte Döpfner auch dabei helfen, Steuern auf die Schenkung zu reduzieren. Wie das System mit den Steuerprivilegien funktioniert, schlüsselt Thomas Schmallowsky, Professor für Steuer- und Wirtschaftsrecht, in seinem Gastbeitrag auf. Seine Expertise kannst du als Medieninsider hier lesen.


Mehr News aus der Woche

Bento meldet sich ab…

Bevor Bento 2015 unter seinem offiziellen Namen launchte, firmierte es Spiegel-intern als Bällebad – nun liegt es trocken. Am Montag stellte Bento nach vorheriger Ankündigung seinen Betrieb ein. Wie der Verlag bereits im Sommer mitteilte, war das junge Angebot des Spiegel wirtschaftlich nicht zu halten. Bei den 16 betroffenen Mitarbeitern in der Redaktion gab dem Verlag zufolge keine betriebsbedingten Kündigungen, allerdings Abgänge durch beispielsweise auslaufende Befristungen oder freiwillige Abfindungen. Wie viele Mitarbeiter übernommen worden sind, hat er auf Nachfrage nicht beziffert. Zum Abschied haben Viktoria Bolmer und Julia Rieke ihre Bento-Highlights noch einmal zusammenfasst.

… und Spiegel Start launcht

Zu lesen sind sie jetzt in unterschiedlichen Ressorts bei Spiegel.de, während die URL und alle weiteren Bento-Kanäle vom neuen Angebot Spiegel Start übernommen worden sind, mit dem Spiegel die junge Zielgruppe U30 weiterhin adressieren will. Dort abgedeckt werden künftig weniger die Lebens- und Gefühlswelt der jungen Zielgruppe als vielmehr die Berufswelt – entsprechend eingegliedert wurde das neue Projekt ins Ressort Job & Karriere. Anders als bei Bento, wo man einem Paid-Modell keine Chancen in Aussicht gestellt hat, werden Start-Themen auch Teil von Spiegel Plus – vorerst sind alle Inhalte aber gratis verfügbar. 

Social-Medium NowThis startet Klima-Ableger

NowThis, das hauptsächlich auf die Verbreitung via soziale Medien fokussierte Nachrichtenmedium, startet mit NowThis Earth einen Klimaableger. Der neue Kanal, der ebenfalls über soziale Netzwerke funktioniert, soll sich vor allem um die durch den Menschen verursachten Auswirkungen auf die Erde spezialisieren und darauf, wie reagiert werden kann. Neben dem Klimawandel geht es auch um gefährdete Arten, die biologische Vielfalt, Ozeane und Wälder sowie gefährdete Völker. 

Neues aus dem Personalticker:

Jan Hofer hört bei der Tagesschau auf – wer als Chefsprecher und in die 20 Uhr-Ausgabe nachrückt

Wolfgang Blau verlässt Condé Nast – wohin es ihn zieht

Klaus Boldt rückt in erweiterte Chefredaktion der Welt auf

Alle Personalien im Überblick findest du hier.

Kurz notiert: Die Zukunft ist weiblich

Stipendien am Reuters Institute der Oxford University sind heiß begehrt – zumindest unter jenen, denen die Zukunft des Journalismus am Herzen liegt. Gestern hat das Institute die Teilnehmer seines neuen Studienprogramms teilgenommen, für das Teilnehmer ihren Praxiseinsatz unterbrechen, um drei bis neun Monate mehr über die Herausforderungen des Journalismus herauszufinden. Aus sechs Ländern von drei Kontinenten kommen die Fellows zusammen – und sie alle sind weiblich

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Wie es um die Kurzarbeit steht

Die Coronakrise hat auch die Medienbranche hart getroffen. Der Einbruch von Werbeumsätzen, der Wegfall des Wachstumsgeschäfts mit Veranstaltungen stellten Medienmanager vor große Herausforderungen. Die Möglichkeit der Kurzarbeit hat bislang womöglich härtere Spareinschnitte als bislang bekannt vermieden. Viele Medienhäuser haben – auch für Redaktionen – Gebrauch von der Staatshilfe gemacht. Wie ist der Stand der Kurzarbeit in Medienunternehmen heute? Mein Kollege Levin Kubeth hat eine Übersicht erstellt, die du als Medieninsider hier lesen kannst.


Lesetipp

Ist Paid Content die Rettung für regionale und lokale Medienhäuser? Es ist zumindest die Hoffnung. Und die Chancen und Möglichkeiten, die sich durch Paid Content ergeben, setzen sich auf regionaler und lokaler Ebene mehr und mehr durch, wie ein neuer Fachbeitrag des Reuters Institute verdeutlicht. Für ihre Untersuchung hat sich Medienforscherin Dr. Joy Jenkins acht Lokalmedien aus Finnland, Frankreich, Großbritannien und Deutschland (Westfalenpost, Main Post) angesehen und ausführlich mit ihnen gesprochen. Ihre Kernergebnisse:

Paid Content führt auch auf lokaler Ebene dazu, den Fokus vermehrt auf loyale Nutzer zu legen und sie näher kennenzulernen als auf anonyme Laufkundschaft abzuzielen. Dafür gehen die Redaktionen über ihre bisherigen Kernthemen – Justiz, Blaulicht, Verkehr – hinaus und entdecken weitere an Nutzerbedürfnissen ausgelegte Themen.

Ähnlich verändert sich das Verhältnis zu Facebook, bei dem es bislang ebenfalls um den größtmöglichen Ausbau der Reichweite ging. Ähnlich wie die Plattform ihr Verhältnis zu den Nutzern ändere – hin zu weniger Öffentlichkeit und privateren Unterhaltungen –  nutzten auch die Medien die Plattform nun vermehrt, strategisch, um einzelne Zielgruppen mit entsprechenden Abo-Angeboten zu erreichen oder spezielle Zielgruppen zu erschließen. 

Paid Content macht innovativ: Jenkins berichtet, dass die Umstellung eine „kommerzielle Denkweise” innerhalb von Redaktionen fördere, meint damit vor allem aber eine effizientere Organisation mit neuen Rollen, eine neue und objektiv darstellbare Bewertung von Qualität und Relevanz sowie eine engere Zusammenarbeit mit Produkt- und Vertriebsabteilungen. Daraus entstünden auch neue Formate wie Newsletter oder Podcasts.

Beim französischen Lokalmedium Ouest-Franc beispielsweise stellte man fest, dass die reine Maximierung der Reichweite (von 20 Millionen Visits in 2014 auf 110 Millionen in 2019) nicht gleichermaßen viele Abonnements bedeutet. Deshalb entschied man sich, mehr Video- und Audio-Content anzubieten, ein neues Angebot von (nur) 4,09 Euro lockte zudem mehr und jüngere Abonnenten an – die Zeitung berichtet von 12.000, von denen ein Drittel jünger als 30 Jahre sei. 

Jenkins komplette Untersuchung kannst du hier beim Reuters Institute nachlesen.  

Mit der Frage, wie Medien ihre digitalen Geschäftsmodelle aufbauen und optimieren, befasst sich auch der Medieninsider INSIGHT#1. Er führt ein in die wichtigsten Grundlagen für digitale Bezahlmodelle, beleuchtet den internationalen Markt und gibt Einblick in die Strategien etablierter Publisher und Start-ups. Hier kannst du mehr über unseren INSIGHT erfahren

Hab noch eine schöne Woche!

Viele Grüße

Marvin

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Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.
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