Reichelt und Würzbach: Springers Führungsexperiment bei Bild

TitelfotoAxel Springer

Julian Reichelt kehrt nach Abschluss des Compliance-Verfahrens zurück in die Chefredaktion von Bild. Ab sofort wird dort gleichberechtigt neben ihm auch BamS-Chefin Alexandra Würzbach das Sagen haben. Mit der neuen Doppelspitze korrigiert der Vorstand die im Konzern unheimlich gewordene Macht des Einzelnen. Trotzdem ist hier keine Lösung geschaffen worden, sondern ein Experiment. Eine Analyse.

Wäre Julian Reichelt im Zuge des Compliance-Verfahrens entlassen worden, wären die Reaktionen innerhalb der Bild-Redaktion vermutlich kaum anders ausgefallen als jetzt. Es hätte ein Lager der Schockierten gegeben. Sie hätten sich darüber empört, dass einige – nicht belegte – Anschuldigungen ausreichten, um einen Chefredakteur seines Amtes zu entheben. Und es hätte ein Lager der Glücklichen gegeben. Sie hätten eine gewisse Gerechtigkeit gefeiert. 

Es kam anders, Julian Reichelt kehrt nach seiner Freistellung zurück zu Bild. Glücklich sind jetzt jene, die sich sein Comeback gewünscht haben. Sie feiern, dass ein von ihnen vermutetes „Aktivisten-Netzwerk“ den Chefredakteur nicht zu Fall bringen konnte. Zumindest nicht so ganz und zumindest nicht bislang. Empört sind jene, für die Reichelts Fehlverhalten unduldbar war. Mit „Fassungslosigkeit“ werden ihre Gefühle beschrieben. Fassungslos, weil ein Chefredakteur trotz eingestandener Fehler im Amt bleibt. Weil schwere Probleme in der Personal- und Führungskultur nicht nur offensichtlich, sondern bestätigt wurden. Weil sie sich fragen, welches Fehlverhalten notwendig gewesen wäre, damit klare Konsequenzen gezogen werden. Darauf gab es am Donnerstag, als der Vorstand von Axel Springer nach mehr als vier Wochen interner Ermittlungen seine Entscheidung bekannt gab, keine Antworten. 

Es gibt zwar ungeschriebene Gesetze, nach denen man als Führungskraft – und besonders als Chefredakteur – nicht ohne weiteres (oder besser gar nicht) intime Beziehungen zu Untergebenen pflegt. Bei Springer aber orientierte man sich an den geschriebenen – doch der erst Anfang dieses Jahres aktualisierte Code of Conduct geht auf seinen 44 Seiten auf ein solches Szenario gar nicht erst ein. 

Die Affäre lehrte aber auch den Vorstand: Konsequenzen mussten her. Und die sehen nach nichts anderem aus als nach einem Kompromiss. 

Julian Reichelt wird seine Titel als Vorsitzender der Chefredaktionen und Sprecher der Geschäftsführung behalten. Er wird sie aber nicht mehr allein tragen. Alexandra Würzbach, seit Ende 2019 Chefredakteurin der Bild am Sonntag, wird aufrücken und gleichberechtigt neben Reichelt agieren. 

Aus Perspektive des Vorstands ist die Entscheidung strategisch nachvollziehbar. Die Konzernführung vermeidet eine unehrenhafte Entlassung des Chefredakteurs, der seinen Job nicht aufgeben will und zu dem man redaktionell ohne Weiteres keine Alternative parat hat. Bild kann eben nicht jeder. Ein sofortiger Wechsel an der Spitze käme zudem zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Das Superwahljahr 2021 hat begonnen, noch vor der Bundestagswahl soll das Mammutprojekt Bild Live ein ganzes Stück weiter sein. Gleichzeitig versucht der Vorstand  Managementfehler der jüngeren Vergangenheit zu korrigieren, die unheimlich gewordene Macht des Einzelnen wieder zu beschneiden. Das mag wie eine Lösung aussehen. Zuallererst ist die neue Konstellation an der Bild-Spitze aber ein Experiment. 

Doppelspitzen bei Bild sind kein Erfolgsmodell

„Bild braucht ganz klare Verhältnisse“ hatte Mathias Döpfner 2018 nach dem entschiedenen Machtkampf zwischen Julian Reichelt und Tanit Koch gesagt. Die Aussage sei speziell auf die beiden Personen gemünzt gewesen, heißt es nun. Reichelt und Koch, das sei wie Feuer und Wasser gewesen, das Verhältnis zwischen Reichelt und Würzbach sei ein ganz anderes. Die beiden kämen besser miteinander aus, seien aber auch nicht wie Pech und Schwefel.

Würzbach soll ein Gegengewicht zu Julian Reichelt schaffen. Dass sie das Zeug dazu habe, daran zweifeln nur wenige. Hinter vorgehaltener Hand wird die BamS-Chefredakteurin als (oft einziges) Beispiel dafür angeführt, dass man innerhalb der Redaktion sehr wohl eine andere Meinung als die des Chefredakteurs vertreten könne, in Redaktionskonferenzen biete sie dem lauten und wortgewaltigen Reichelt oft Paroli. „Sie ist ein Profi“, sagt ein ehemaliger Kollege. Definitiv ist Würzbach ist eine mit allen Wassern gewaschene Boulevardjournalistin. Sie arbeitete bereits mit großen Egos wie Franz-Josef Wagner und Kai Diekmann zusammen und produzierte in ihrer Rolle als Unterhaltungs- und Gesellschaftsjournalistin selbst Schlagzeilen (Stichwort Borer-Affäre). Würzbach gilt als resilient, unterbuttern lässt sie sich nicht. Darüber hinaus sei sie für Mitarbeiter und Kollegen zugänglicher als Reichelt. 

Das sind wichtige Voraussetzungen, um als Ergänzung von Reichelt funktionieren zu können. Darüber hinaus kommen sich er und sie (anders als Reichelt/Koch) inhaltlich nicht in die Quere. Würzbach vertritt ihre Meinung, ein allzu großes Interesse an politischen Themen wird ihr aber nicht nachgesagt. Zudem tritt sie weniger nach außen in Erscheinung, ihr Drang zur Selbstdarstellung ist deutlich weniger ausgeprägt als seiner.

Klare Verhältnisse braucht es trotzdem

Das alles bedeutet jedoch nicht, dass Döpfners Aussage von damals an Gültigkeit verliert. Es braucht ganz klare Verhältnisse.

Wer Europas größte Tageszeitung führen soll, braucht Klarheit. Die Person braucht Rückendeckung, um frei agieren zu können, die Freiheit, sich anlegen zu können – mit der Politik, der Wirtschaft, mit der eigenen Belegschaft. Wer Bild führt, braucht die Gewissheit, über Fehler auch mal erst im Nachhinein nachdenken zu müssen (was vorheriges Denken nicht ausschließt).

Es ist schwer vorstellbar, dass Reichelt mit dieser Klarheit zurückkehren wird. Das Compliance-Verfahren, sein Kotau in der Konzernpressemitteilung haben ihn automatisch Autorität gekostet. Dass er in der Konzernpressemitteilung von Donnerstag selbst von einer „Chance“ spricht, dass Springer nach Abschluss des Compliance-Berichts die Erkenntnisse „zum heutigen Tage“ betont, zeigen: Er kehrt nicht rehabilitiert zurück, vielmehr auf so etwas wie Bewährung. Die Menschen, die ihn stürzen wollen, werden dies genau verfolgt haben. Im Hintergrund bleibt die Ungewissheit. Reichelt muss sich nun fragen, ob er sich – wie angekündigt – wehren will gegen jene, die ihn „vernichten wollen“ oder ob er sich darauf konzentriert, die Kultur im eigenen Haus zu ändern. Und damit auch sich selbst. Wer über Jahre hinweg an Macht gewonnen hat, gewöhnt sich daran. Besonders, wenn man der Überzeugung ist, die absolut richtige Person für diesen Job zu sein. 

Die Klarheit innerhalb der neuen Chefredaktion muss erst noch gefunden werden

Wirkliche Klarheit herrscht auch nicht hinsichtlich der Aufgabenverteilung der beiden Chefredakteure. So soll einer von Würzbachs „Schwerpunkten“ zukünftig im „übergreifenden Personal- und Redaktionsmanagement“ liegen. Der Begriff „Verantwortung“ fällt an dieser Stelle nicht. Es wäre auch schwer vorstellbar, wie Reichelt das Zukunftsprojekt Bild Live voranbringen soll, wenn er nicht über das Personal dafür entscheidet. Auf der anderen Seite wird Würzbach, unter der die BamS näher an Bild herangerückt ist, eigene Akzente setzen müssen. Vor allem, wenn sie eben nicht als Aufpasserin gelten, sondern sich in ihrem neuen Job als gleichberechtigte Chefredakteurin (und Geschäftsführerin) profilieren will. 

Würzbachs Schwerpunkt im Redaktionsmanagement, für das es bei Bild auch einen eigenen Chief of Staff gibt, bedeutet nicht automatisch Lösungen. Würzbach ist – mit Unterbrechungen – seit 30 Jahren Teil des Springer-Boulevards, mit vielen Kollegen seit Jahren eng verbunden. Als Revoluzzerin ist sie bislang nicht aufgefallen. Auch sie steht vor dem Problem, dass es an einigen in der Bild-Führung fachlich wenig, dafür menschlich aber einiges auszusetzen gibt. Hinzu kommen eigene Baustellen. Eben erst hat sie sich mit BamS-Vize Christoph Hülskötter überworfen.

Am Montag werden Würzbach und Reichelt erstmals vor die Belegschaft treten und versuchen, Fragen zu beantworten. Es ist der Startschuss eines Experiments, einer neuen Belastungsprobe für alle Beteiligten. 


Du denkst, dieser Artikel könnte Kollegen, Bekannte oder Freunde interessieren? Verbreite ihn gerne über soziale Netzwerke! Damit hilfst du auch, Medieninsider bekannter zu machen!

Bitte vervielfältige unsere Artikel nicht als pdf-Datei und reiche sie nicht weiter. Ein Probe-Abonnement gibt es für schon 0,99 Euro.

Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.
Der kostenlose Medieninsider-Newsletter

Keine unserer Artikel verpassen! Mit unserem Newsletter halten wir dich auf dem Laufenden. Er ist kostenlos und du kannst ihn jederzeit abbestellen.