#WeltGate: Welt schafft mit umstrittener Berichterstattung einen Rekord bei Abo-Abschlüssen

TitelfotoAxel Springer

Fact-Checker und Nutzer sozialer Netzwerke wittern bei Ulf Poschardts (Foto) Welt ein Kalkül, mit verschwörungstheoretischen Ansätzen auf Abonnentenfang am rechten Rand zu gehen. Aktueller Aufhänger ist die Berichterstattung über ein Thesenpapier zur Auslastung von Intensivbetten, das laut dem Fact-Checking-Portal Volksverpetzer „grundlegend fehlerhaft und unvollständig“ sei. Kalkül hin oder her, nach Medieninsider-Recherchen lässt sich sagen: Die Berichterstattung, die bei Twitter zum #WeltGate führte, stellte hinsichtlich der Abo-Abschlüsse neue Rekorde auf.

In Deutschland gelten die Axel-Springer-Medien als Vorreiter, wenn es um den Aufbau digitaler Abonnements geht. 543.000 bezahlte Digital-Abos zählte Bild laut IVW im April, beim Schwestertitel Welt waren es im selben Monat fast 154.000. Solche Zahlen sind auch das Ergebnis konsequenter Datenanalysen. Ganze Teams befassen sich tagtäglich mit der Frage, welche Inhalte im Netz gut funktionieren und was Artikel benötigen, damit Nutzer konvertieren, also zum zahlenden Kunden werden.

Sind passende Themen und Elemente entdeckt, ist gleichzeitig Vorsicht geboten: Denn Redaktionen und Journalisten laufen bei ihrem neuen, digitalen Volkssport Gefahr, handwerkliche Standards zu vergessen. Bei der Welt steht dieser Verdacht im Raum, aufgebracht unter anderem von Fact-Checkern des Portals Volksverpetzer.

Am Montag veröffentlichte dessen Gründer Thomas Laschyk einen ausführlichen Faktencheck über ein Thesenpapier, hinter dem eine Reihe Autoren rund um den Mediziner Matthias Schrappe stehen. Das Papier legte unter anderem nahe, dass die Auslastung von Intensivbetten durch die Corona-Pandemie nicht so dramatisch sei, wie es immer wieder geheißen hatte. Zudem seien die Kapazitäten für Intensivbetten nicht erhöht worden, obwohl dafür Geld geflossen sei. Laschyk zeigte in gleich mehreren Punkten auf, dass die Arbeit „grundlegend fehlerhaft und unvollständig“ sei.

Die Welt hatte über das Thesenpapier berichtet, dazu ein Interview mit Schrappe und einen begleiteten Kommentar („Immer schön bei der Wahrheit bleiben“) veröffentlicht. Volksverpetzer Laschyk schreibt, die Welt habe damit „völlig falsche Schlussfolgerungen weiterverbreitet und Fake News über die Auslastung der Intensivbetten und des DIVI-Registers, sowie Verschwörungsnarrative verbreitet und legitimiert“. Denn hinterfragt wurden die Mängel nicht.

Wie Welt auf den Faktencheck reagiert hat

Einen journalistischen Fehler erkennt man bei Welt offenbar nicht. Auf Nachfrage erklärt ein Sprecher von Axel Springer: „Wir sind überzeugt, dass Kritik nicht nur ein unverzichtbarer Teil der öffentlichen Debatte ist, sondern ein essenzieller Teil der Wissensgenerierung ist. Deshalb begrüßen wir die öffentliche Debatte über die Belastung der Intensivstationen, da diese zur Transparenz und zur Aufklärung der Bevölkerung beiträgt.“

Man habe auch eine aktualisierte Fassung des Thesenpapiers veröffentlicht, „nachdem das Forscherteam um Matthias Schrappe einzelne Kritikpunkte an dem Papier aufgegriffen hat“. Darüber hinaus habe man die Berichterstattung um Stellungnahmen mehrerer Institutionen und Kritiker ergänzt. Allerdings: Geschehen ist das über 24 Stunden nach Veröffentlichung des Schrappe-Interviews.



Das ändert nichts daran, dass sich die vorherige Berichterstattung bis dahin ihren Weg gesucht hat. Faktenchecker Laschyk, dessen Artikel am Montagabend auch unter dem Hashtag #WeltGate bei Twitter trendete, zeichnete nach, wie sich die Welt-Berichterstattung in rechten Sphären und der Querdenker-Szene verbreitete, verschwörungsideologische Seiten und Politiker der AfD trieben die Reichweite des Artikels nach oben.

„Sowas hatten wir noch nie“: So viele Abos holte Welt mit der #WeltGate-Berichterstattung

Wegen ihres Vorgehens und bereits vorheriger Berichte (hier, hier, hier) muss sich die Welt nun Spekulationen gefallen lassen, mit einer gegen den so genannten Mainstream gebürsteten und nicht ausrecherchierten Berichterstattung Reichweite und Abonnements am rechten Rand zu fischen.

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Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.

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