Wie sich Journalismus von „Content“ abgrenzt

Wohl nicht wenige gestandene Chefredakteurinnen und -redakteure würden das Wort „Content“ nur unter Androhung von Folter aussprechen. Für diejenigen, die sich tagtäglich mit Leidenschaft für das (Informations-)Wohl der Menschen einsetzen, ist Journalismus viel mehr als nur ein Füllstoff für Produkte, die zum Verkauf hübsch gemacht werden. Ehrlicherweise bleibt dennoch vieles von dem, was Tag für Tag veröffentlicht wird, hinter den eigenen Ansprüchen zurück und besitzt, vorsichtig gesagt, noch Wachstumspotenzial. Alexandra Borchardt benennt drei wichtige „Schrauben“, an denen Redaktionen drehen müssen, damit aus Content auch wirklich Journalismus wird.

Journalismus muss investigativer werden 

Vieles nennt sich Journalismus: das Umformulieren von Pressetexten oder Agenturmeldungen, die humorvoll aufgeschriebene Recherche in der eigenen Gedankenwelt, das Aufpeppen von Exklusivstücken der Konkurrenz mit ein, zwei selbst herbeitelefonierten Zitaten. Tatsächlich ist aber die investigative Recherche eine Kernaufgabe der Medien. Denn Journalisten sollten ja genau das tun, was dem Normalbürger nicht ohne Weiteres möglich ist: Missstände aufdecken und darüber berichten, geschützt durch dafür gedachte Rechte und durch eine Organisation, die im Notfall juristisch dafür geradesteht. 

Tatsächlich verlagern Redaktionen inzwischen immer mehr Kapazitäten Richtung investigativer Recherche, und das ist gut so. Denn das Publikum schätzt es überhaupt nicht, wenn es überall die gleichen Geschichten liest, sieht und hört. Nicht jede Medienmarke braucht dafür allerdings ein eigenes Ressort. Das kann sogar abschreckend auf junge Kolleginnen und Kollegen wirken, die sich nicht anmaßen wollen, die neuen Bernsteins und Woodwards zu sein. Es muss nicht immer gleich das Kaliber Watergate-Skandal sein. Zu leicht entsteht der Eindruck, etwas sei nur dann investigativ, wenn unter höchster Geheimhaltung Papiere oder Datenträger in Tiefgaragen übergeben werden oder wenn irgendwo hohe Regierungsbeamte verwickelt sind. Dabei können wichtige Recherchen direkt vor der Haustür anfangen. 

Der Lokalteil der New York Times hatte sich zum Beispiel einmal Nagelstudios vorgenommen: Orte, an denen viele illegale Migrantinnen zu miserablen Bedingungen für die Schönheit anderer sorgen. Für die Reportage The Price of Nice Nails hatten die beteiligten Journalistinnen und Journalisten unter anderem 150 Arbeiterinnen in den Studios interviewt. Umfassende Inspektionen seitens der Behörden waren die Folge. Investigativ ist, was durch neue Erkenntnisse Machtverhältnisse berührt und bewegt.

Journalismus muss Hoffnung machen können 

Dass schlechte Nachrichten für Medien gute Nachrichten sind, ist nicht nur ein geflügeltes Wort, sondern auch belegt. „Schlechte Nachrichten verbreiten sich am schnellsten“, fand ein Forscherteam der Universität Münster heraus, das untersucht hatte, wie schnell sich bestimmte Typen von Nachrichten über Redaktionen hinweg verstreuen. Die Fülle an täglich publiziertem Stoff, der schlechte Laune macht, hat allerdings nicht nur damit zu tun. Journalismus muss die düsteren Seiten der Macht beleuchten, das ist seine Mission, er wirkt als ein Frühwarnsystem für die Bürger. Das Bild der Gesellschaft, das dabei entsteht, ist dadurch allerdings auch etwas verzerrt.

Nehmen wir an, Besucher eines fremden Planeten würden nur durch Lektüre und Ansicht irdischer Nachrichtenportale zu verstehen versuchen, wie die Welt funktioniert, sie ergriffen wohl umgehend die Flucht. Die Medien heben nämlich Gewalt,

Ungerechtigkeit, Unglücke und Schicksalsschläge wie mit einem Scheinwerfer hervor. Dabei funktioniert nicht nur das Zusammenleben auf diesem Planeten häufig erstaunlich gut. Auf längere Sicht, und als statistische Durchschnittswerte betrachtet, sind der Menschheit über die Jahrhunderte hinweg auch beachtliche Fortschritte gelungen – der Klimakatastrophe und allgegenwärtiger Gewaltmeldungen zum Trotz. Das gibt Hoffnung und jene Zuversicht, die Leserinnen und Leser beim Blick auf die neuesten Nachrichten zuweilen vermissen. Für eine optimistischere Sicht auf die Dinge hat sich die Constructive Journalism-Bewegung gegründet, auch Solutions Journalism genannt.

Vielen Journalisten geht so ein – aus ihrer Sicht – verordneter Optimismus zu weit: Man sei dazu da, aufzuklären und auf Missstände hinzuweisen, statt die Bürger in Sicherheit zu wiegen und ihnen ein Wohlgefühl zu vermitteln. Bei diesem Ansatz geht es allerdings weder um seichten Journalismus noch darum, die dunklen Seiten des Lebens zu verschweigen. Seine Verfechter wollen vielmehr zeigen, dass man inmitten von Risiken, Bedrohung und Unvollkommenheit auch die Initiative ergreifen und gestalten kann.

Vor allem Leserinnen fühlen sich eher abgeschreckt von einem Journalismus, in dem es nur um Gewinnen, Verlieren, Helden und gefallene Helden sowie Machtkämpfe geht und der zudem von kriegerischem Vokabular durchsetzt ist. Zuzanna Ziomecka hat zwei Jahre lang das Portal Newsmavens entwickelt und geleitet. Dort haben Redakteurinnen und Kolumnistinnen aus verschiedenen europäischen Ländern ausgesucht, was ihre Topthemen des Tages sind und was sich zu kommentieren lohnt. Dabei entstand beileibe kein rosarotes Weltbild, aber eines mit neuen Facetten. Ziomeckas Fazit: „Frauen interessieren sich nicht so sehr für die Big Shots in den Machtpositionen, sondern dafür, wie sich deren Entscheidungen auf das tägliche Leben auswirken.“

Journalismus darf persönlich sein – aber die Dosis muss stimmen. 

An dieser Stelle wird es kritisch. Denn wohl nirgendwo sonst klaffen die Erwartungen der Generationen an guten Journalismus so sehr auseinander wie in diesem Punkt, sowohl beim Publikum als auch bei den jüngeren und älteren Journalisten selbst. Boulevardjournalismus hat schon immer mit Gefühlen gespielt: Angst, Wut, Trauer, Mitleid, Freude, Begehren, Stolz – auf den Titelseiten der Blätter, die sich am Kiosk verkaufen mussten, war stets alles dabei. Wir sind Papst – die Schlagzeile der Bild-Zeitung vom 20. April 2005, einen Tag nachdem Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt wurde, wäre zur gleichen Zeit in „seriösen“ Zeitungsredaktionen undenkbar gewesen. 

Ein ernsthafter Journalist benutzt kein „wir“ und schreibt schon gar nicht über sich selbst, so haben es Abertausende Journalisten bei Qualitätsmedien in Deutschland gelernt. Und die Gebildeteren unter den Konsumenten sahen es als sportliche und standesgemäße Herausforderung an, sich durch manch einen trockenen Wirtschaftsbericht oder eine verschwurbelte Theaterkritik zu kämpfen. Wer es mit den Bleiwüsten aufnehmen und auf bunte Bilder und Gefühliges verzichten konnte, durfte sich zum Bildungsbürgertum zählen. Diese Geduld geht der jüngeren Generation ab. 

Mit dem Aufstieg der sozialen Netzwerke hat sich das geändert. Offene Subjektivität und Selbstbeschau sind überall salonfähig geworden, selbst in den vor Ernsthaftigkeit strotzenden Redaktionen – wenn man von den Nachrichtenagenturen absieht. Nie zuvor wurde außerhalb von Literatur und im persönlichen Tagebuch oder Blog so viel über eigene Befindlichkeiten geschrieben wie heute. Die Jungen mögen das nicht nur, sie fordern es auch. Es gebe ohnehin keine Objektivität, argumentieren viele derer, die in ihren Dreißigern und jünger sind, das Bemühen um Neutralität spiele doch nur der dominanten Weltsicht in die Hände (Stichwort „alte weiße Männer“) und lasse Vielfalt nicht zu. 

Seriöser Journalismus muss mit dieser Spannung klug umgehen. Subjektivität kann kraftvolle Beiträge mit überraschenden Perspektiven hervorbringen – wenn sie gut gemacht sind. Leider sind sie es oft nicht. Geschichten aus der Ich-Perspektive gleiten schnell auf das Niveau Schulaufsatz ab, und manches, was Autor oder Autorin als „stark“ oder „authentisch“ empfinden, wirkt letztlich banal und egozentrisch. 
Journalismus braucht weiterhin eine gewisse Distanz – auch zu sich selbst. In einer Welt des erstarkenden Populismus, dessen politisches Führungspersonal ständig in die Emotionenkiste greift, sehnen sich viele Menschen im Grunde nach Fakten und dem Versuch von Neutralität, auch wenn sie sich immer wieder von Gefühlsduselei verführen lassen. In einer Umfrage dazu, wie sich Journalisten auf Twitter verhalten sollten, gaben amerikanische Nutzer an, sie sollten den Kanal dazu nutzen, Fakten darzustellen, Falschinformationen aufzuklären und auf Reports zu verweisen – also gerade nicht dafür, das Nachrichtengeschehen zu kommentieren.


Buchcover; Dudenverlag

Bei der Kolumne handelt es sich um einen gekürzten und exklusiv für Medieninsider angepassten Auszug aus dem Buch Mehr Wahrheit wagen – Warum die Demokratie einen starken Journalismus braucht. Darin benennt Alexandra Borchardt auch weitere Merkmale, die Journalismus von Content unterscheiden. Das Buch erschien im März 2020 im Dudenverlag.


Lesetipp

Mehr Texte von Alexandra Borchardt findest du hier. Kennst du schon unseren Kolumnisten Dietmar Schantin? Auch er veröffentlicht regelmäßig bei Medieninsider.

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Claudia Michalski, Kolumnistin bei Medieninsider

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Alexandra Borchardthttps://alexandraborchardt.com/
Dr. Alexandra Borchardt ist Journalistin mit mehr als 25 Jahren Berufspraxis, 15 davon in Führungspositionen (Süddeutsche Zeitung, Plan W). Sie ist Buchautorin, Beraterin und Professorin. Im April 2020 übernahm sie die Co-Leitung des Studiengangs Medien.Kultur.Journalismus an der Universität der Künste in Berlin, darüber hinaus ist sie u.a. Senior Research Associate am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford. Als journalistische Leiterin ist sie außerdem für das Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School verantwortlich. Foto: Ina Abraham

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