Was denkst du über diese Aktion von stern und taz?

Hallo Medieninsider!

Was dich in dieser Woche im Lese-Letter erwartet:

► Paul Ronzheimer im Interview

► Martin Dowideit verlässt das Handelsblatt

► Twitter hat ein Rassismusproblem, Facebook eines mit irischen Datenschützern

► Wieso die Rettung des Journalismus nicht immer einen Jeff Bezos braucht

► Bei stern und taz steigt die Temperatur

► Wie Christian Drosten tickt


Auch als stellvertretender Chefredakteur ist Paul Ronzheimer weiterhin Krisenreporter Nummer 1 bei Bild. Schickt die Redaktion ihn raus, erhält ein Thema automatisch mehr Aufmerksamkeit – im Blatt, online, beim Leser. Zuletzt war Ronzheimer in Minsk unterwegs, wo seit Wochen gegen den belarussischen Präsidenten Lukaschenko protestiert wird und dieser massiv und mit Gewalt zurückschlägt. Demonstranten und Oppositionelle werden verschleppt, Reporter festgesetzt, ausgewiesen oder direkt an der Einreise gehindert.

Und obwohl Ronzheimer zu den bekanntesten Reporter-Gesichtern in Deutschland zählt und auch im Osten durch zahlreiche Einsätze bestens bekannt sein dürfte, konnte er weitgehend ungestört aus Minsk berichten. Im Interview erklärt er, wie es ihm gelang:

„Wenn wir auf Demonstrationen unterwegs waren, haben wir uns eher im Pulk bewegt als am Rand oder vorne weg.“

„Ich hatte nicht mehr bei mir als mein Smartphone.“

Ronzheimer, der sich nur drei Wochen in Minsk aufhielt, spricht im Interview auch über die Gründe für seine vergleichsweise kurzen Einsätze. Der an ihm geäußerten Kritik, parachute journalism zu betreiben, also über dem Krisengebiet abzuspringen und nach kurzer Zeit wieder zu verschwinden (und damit die Aufmerksamkeit), entgegnet er:

„Die Regionen, über und aus denen ich berichte, kenne ich schon sehr lange. Teilweise bin ich dort nicht nur zwei drei Wochen, sondern Monate oder Jahre, wenn auch mit Unterbrechungen, die übrigens die meisten Reporter machen.“

Die Art und Weise, wie Ronzheimer arbeitet, empfindet er auch als Vorteil – vor allem gegenüber langjährigen Korrespondentenposten. Am Beispiel von Minsk äußert er auch Kritik am Verhalten öffentlich-rechtlicher und weiterer Reporter-Kollegen, die sich mit der Reise nach Belarus schwergetan haben. Und ich habe ihn auch danach gefragt, wie sehr er an die Macht von Auslandsberichterstattung glaubt. Das gesamte Interview, das wir bereits kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland Anfang September geführt haben, kannst du als Medieninsider hier nachlesen

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Mehr News aus der Woche

Martin Dowideit verlässt das Handelsblatt

Martin Dowideit, seit bald acht Jahren beim Handelsblatt und in unterschiedlichen Positionen mitverantwortlich für die Digitalisierung von Redaktion und Produkt, verlässt den Wirtschafts- und Finanztitel. Nach Medieninsider-Informationen wird er in den kommenden Monaten seinen Posten als Head of Product beim Handelsblatt gegen die Position des Head of Digital beim Kölner Stadt-Anzeiger eintauschen. Beim DuMont-Titel soll Dowideit als Mitglied der Chefredaktion den Newsroom mitsteuern und die digitalen Produkte des Stadt-Anzeigers vorantreiben, allen voran das Bezahlmodell ksta+

Weitere Personalien aus den vergangenen Tagen findest du in unserem Personalticker.

Das Erste: Volker Herres tritt vorzeitig als Programmdirektor ab

► Christoph Keese bekommt Aufsichtsratsposten

► Sport 1: Pit Gottschalk steigt auf

Ex-RTL-Manager Marc Schröder geht zu nxt statista

Streit um Datenschutz: Facebook stellt Funktionsfähigkeit in Europa infrage

Der Streit zwischen Facebook und der irischen Datenschutzbehörde spitzt sich zu. Auf die jüngste Entscheidung – eine vorläufige Anordnung, die Facebook untersagt, Daten europäischer Kunden in die USA weiterzuleiten – hat Facebook nun im Rahmen des Rechtsstreits erneut reagiert und die Fortführung seiner Aktivitäten in Europa infrage gestellt. Sollte die Entscheidung aufrecht erhalten bleiben, sei für Facebook „unter diesen Umständen nicht klar, wie die Services von Facebook und Instagram in der EU weiterhin angeboten werden können“, schreibt Yvonne Cunnane, Head of Data Protection in Irland, in einer eidesstattlichen Erklärung, über die Vice.com zuerst berichtet hat. 

Cunnane bemängelt auch unfaires Verhalten seitens der irischen Datenschützer. So müsse der Konzern innerhalb besonders kurzer Fristen reagieren, darüber hinaus beobachte man eine Art Entscheidungsmonopol der irischen Datenschutzbeauftragten Helen Dixon. Außerdem beklagt Cunnane, das gegen kein anderes US-Tech-Unternehmen derart vorgegangen werde.

Den gesamten Bericht von Vice.com kannst du hier nachlesen. Die Süddeutsche Zeitung hat weitere Hintergründe zum Streit zwischen Facebook und den irischen Datenschützern zusammengetragen.

Twitter-Algorithmus bevorzugt offenbar Weiße

Der Algorithmus von Twitter hat offenbar ein Rassismusproblem. Seit einigen Tagen fällt bei zunehmender Anzahl von Tests auf, dass das soziale Netzwerk hellhäutige Menschen bei der Auswahl von Vorschaufotos bevorzugt. Einen ausführlichen Thread hat der Kryptografie-Experte Tony Acieri gepostet. Darin sind unterschiedliche Varianten einer Collage mit Barack Obama und Mitch McConnell, dem Mehrheitsführer im US-Senat, zu finden. Dabei fiel auf: Erst als die Hautfarbe von Obama heller kontrastiert wurde, begann Twitter den US-Präsidenten zu bevorzugen.

Twitter reagierte umgehend und kündigte an, den Algorithmus auf eventuelle Diskriminierung zu untersuchen. Twitter-Sprecherin Liz Kelly meldete an, weitere Überprüfungen open source durchführen zu wollen.


Wieso es für die Rettung des Journalismus nicht immer einen Jeff Bezos braucht

Besonders regionaler und lokaler Journalismus wird für große Verlage zunehmend ein unattraktives Geschäft. In den USA gibt es bereits erste Städte ohne täglich erscheinendes Medium. Das schadet der Demokratie, wie Studien belegen. Neue, tragfähige Geschäftsmodelle lassen auf sich warten, doch für den Journalismus gibt es Hoffnung – auch ohne Jeff Bezos, wie Alexandra Borchardt meint. Sie hat sich international umgeschaut und listet einige Hoffnungsträger auf. Ihre Kolumne kannst du als Medieninsider hier nachlesen.


taz und stern heizen ein

– Kommentar –

An diesem Freitag ist Weltklima- und zugleich Globaler Klimastreiktag. Und weil das auch bei Medien zu erhöhter Temperatur führt, haben sich einige von ihnen Sonderausgaben ausgedacht. Die taz und der stern organisierten sich dafür besondere Unterstützung: Sie haben Klimaaktivisten das Blatt machen lassen und überlassen ihnen auch die digitalen Kanäle.

Während die taz eine Gruppe aus 50 Personen unterschiedlicher Gruppierungen zusammengestellt hat (Fridays for Future, Ende Gelände, weitere Bürgerinitiativen), ließ der stern auf eine „umfassende und einmalige Kooperation“ mit Fridays for Future ein. In der Pressemitteilung heißt es dazu weiter: 

„Der stern unterstützt damit in all seinen journalistischen Angeboten das Anliegen von Fridays for Future: #keinGradweiter.“ 

Und Asuka Kähler von Fridays for Future freut sich:

„Die Kooperation mit dem stern gibt uns die Möglichkeit, eine Menge an Informationen und Themen auf vielfältige Art und Weise in die Öffentlichkeit zu tragen, wie wir sie zuvor nicht hatten.“

An dieser Stelle sei ausführlich an Hajo Friedrichs erinnert, dessen Worte auch außerhalb des Nachrichtenstudios nicht nur gehört, sondern auch verinnerlicht werden sollten. Im letzten Interview vor seinem Tod sagte der ehemalige Tagesthemen-Moderator im Spiegel zur Darstellung von Inhalten:

„Das hab ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“

– Community-
Was denkst du über die Initiativen von stern und taz, zum Weltklimatag mit Aktivisten zusammenzuarbeiten? In unseren Gruppen bei Facebook und LinkedIn haben wir eine Umfrage und Diskussion gestartet. 

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Lese- und Videotipp

Die Sommerpause ist vorbei und damit hat sich auch Deutschlands neuer Medienstar zurückgemeldet – Christian Drosten. In dieser Woche veröffentlichte der Tagesspiegel ein ausführliches Interview mit dem Charité-Virologen und baldigen Bundesverdienstkreuzträger, nur wenige Tage zuvor wurde er beim Kommunikationskongress in Berlin für seine Öffentlichkeitsarbeit ausgezeichnet – bei beiden Auftritten ging es auch um seine Sicht auf die Berichterstattung und sein Verhältnis zu Medien. Im Tagesspiegel sagt er über die teilweise harsche Berichterstattung über ihn:

„Irgendwann ist offenbar ein Schalter umgelegt worden, dass man auf meine Person losgegangen ist. Seitdem nehmen viele meinen Namen in den Mund als pars pro toto einer Wahrheit, die sie nicht hören wollen.“

Dass er seine Arbeit derzeit nicht nur im Labor sieht, sondern auch in der Öffentlichkeit begründet er wie folgt:

„Ich glaube, die Rolle von Wissenschaftskommunikation wird immer wichtiger, das wird jetzt anerkannt. Bisher hat ja der Wissenschaftler etwas publiziert, das Fachjournal machte dazu eine Pressemitteilung, und die Journalisten schrieben eine Meldung, die jeder versteht. Jetzt muss man als Wissenschaftler direkter sagen, was los ist.“

Auf seine öffentliche Rolle und sein Verhältnis zu den Medien ging er beim Kommunikationskongress noch etwas genauer ein. Für verkürzenden und zuspitzenden Journalismus habe er Verständnis, sagt er, aber:

„Ich wehre mich eigentlich immer gegen eine Veränderung von dem, was ich sage. Verkürzen muss man sicherlich in den Medien. Wenn das aber mit einer vollkommenden Verfremdung der Inhalte einhergeht, muss ich mich dagegen wehren.“

Eine besondere Form der Selbstdarstellung sieht er in seinem Verhalten nicht: 

„Ich bin so nicht strukturiert. Ich sonne mich nicht in der Öffentlichkeit und werde wieder schlagartig verschwinden, wenn das vorbei ist.“ 

„Ich bin kein Politiker, ich muss in der Öffentlichkeit nicht beliebt sein, um gewählt zu werden oder um Ämter zu bekommen. Meine Stelle ist unbefristet.“

Die gewonnene Aufmerksamkeit rund um seine Person empfinde er als „unangenehm“, dass er den Schritt – anders als viele seiner Virologen-Kollegen – überhaupt gewählt habe, liege an der Expertise.

„Jeder hat so sein Spezialgebiet. Wäre es eine Influenza-Epidemie, würde ich vielleicht ab und zu eine Kleinigkeit sagen, mich aber so nicht in die Öffentlichkeit stellen.“

Dabei sieht sich Drosten nicht unbedingt als Gewinner.

„Ich habe in den letzten Monaten natürlich die besten wissenschaftlichen Chancen meines Lebens gehabt, die ich sausen lassen habe, weil ich einfach die Zeit nicht hatte.“

Das Tagesspiegel-Interview kannst du hier nachlesen. Den Auftritt beim Kommunikationskongress gibt es hier im Video nachzusehen

Hab noch eine schöne Woche! 
Viele Grüße sendet dir 

Marvin

Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.
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