Die Jungs von T-Online

Das Nachrichtenportal T-Online verfolgt unter seinem neuen Eigentümer Ströer das Ziel, Deutschlands „digitales Leitmedium“ zu werden. Seit offiziell drei Jahren arbeiten Florian Harms und sein mittlerweile rund 100-köpfiges Team daran, den ambitionierten Anspruch in die Wirklichkeit zu übersetzen. Doch die Redaktion stößt an ihre Grenzen, allen voran kulturell. Innerhalb kurzer Zeit verliert sie mehrere weibliche Führungskräfte. Was ist da los?

Wie groß das Potenzial von T-Online ist, demonstrierte Florian Harms im Sommer 2017. Es war der Tag der Eröffnung des neuen Newsrooms in Berlin. Zahlreiche Gäste und Medienjournalisten waren da, Ströer-CEO Udo Müller, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Harms spielt seinen Gästen das interne Morning Briefing ab. Vorgelesen, weil modern, von Amazons Alexa. Für den Vortag spuckte der Computer aus: T-Online machte stolze 5,1 Millionen Visits, 27,4 Prozent der Nutzer kamen mobil, 34 Prozent haben über Suchmaschinen zu T-Online gefunden zustande. Gerade mal ein einziges Prozent kam über soziale Netzwerke. 

Es gibt viele Wege für ein digitales Medium, seine Reichweite zu erhöhen und auszusteuern. T-Online nutzte keinen davon so richtig. Fortan sollte sich das ändern. Doch der Wandel hat seinen Preis.

Seit 2015 gehört T-Online zu Ströer. 300 Millionen Euro gab der Vermarktungskonzern damals für das Nachrichtenportal aus, das Kunden bislang eigentlich nur für ihre E-Mails abgerufen hatten. CEO Udo Müller sah nicht nur die Chance, die bereits hohe Reichweite zu monetarisieren, sondern das Geschäft auszubauen. Man wolle die „digitale Medienwelt mitgestalten“, so Müller. Die alte Redaktion in Darmstadt machte er dafür dicht, ließ eine neue in der Hauptstadt Berlin aufbauen. Kaum einer der damaligen Mitarbeiter ging mit. Alles auf Anfang, alles neu, alles modern. Das war das Motto. 

Für die Ernsthaftigkeit des Projekts steht seither auch Florian Harms. Nach seinem Aus bei Spiegel Online sollte der Chefredakteur nun T-Online publizistisch aufladen, als Geschäftsführer auch den wirtschaftlichen Erfolg mitverantworten. Harms’ Ziel: Eine „neue informationelle Heimat für die Bundesbevölkerung“ sollte entstehen, ein „neues, digitales Leitmedium“. Natürlich in „einem der modernsten Newsrooms Deutschlands“. Gemeint ist damit die technische Ausstattung der Redaktion, aber auch die Arbeitskultur. Doch gerade hier wird es problematisch.  Bei T-Online herrscht weiter Auf- und Umbruchstimmung – allerdings im Impressum. 

In der Redaktion von T-Online steigt die Unzufriedenheit. Konstant hoher Arbeitsdruck und Rufbereitschaft drücken auf die Stimmung, sagen Betroffene. Mitarbeiter sehen Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten ungerecht verteilt. Auch die Kommunikation scheint nicht zu stimmen. Oft sehe man sich ohne Vorankündigung mit neuen Tatsachen konfrontiert, heißt es aus der Redaktion.

Medieninsider hat mit zahlreichen Quellen aus Redaktion und Umfeld von T-Online gesprochen, die ihre Beobachtungen und Eindrücke geschildert haben. Wer sich selbst nicht betroffen fühlt, bestätigt zumindest, Probleme beobachtet zu haben. Aus Gründen des Quellenschutzes macht Medieninsider keine näheren Angaben zu Personen, auch werden einige Fälle aufgrund der Rückverfolgbarkeit nicht geschildert. Medieninsider hat sich immer bei mehreren Quellen abgesichert. 

Politik-Ressort in Abwesenheit der Ressortleiterin umgebaut

Für großes Erstaunen sorgte die jüngste Personalie um Tatjana Heid. Erst vor einigen Tagen wurde die Redaktion darüber informiert, dass die Politik-Chefin nach ihrer Elternzeit nicht zu T-Online zurückkehren wird. In der Redaktion war man lange davon ausgegangen, nichts anderes soll auch von ihr geplant gewesen sein, heißt es. Kollegen bescheinigen ihr: Sie habe ihren Job  „überragend gut“ gemacht. Manche bezeichnen sie als beste Chefin, die man bislang gehabt habe. Die Journalistin, die bereits für die FAZ und Focus tätig war, sei auch von Florian Harms „hoch eingeflogen“ worden. Er selbst hat die Arbeit seiner Ressortleiterin öffentlich als „stark“ oder „sehr gut“ gelobt. Über ihren Kommentar zum Frauentag schrieb er: „Klare, kluge Worte unserer Politik-Chefin.“ Heid sei auch im persönlichen Umgang mit Mitarbeitern immer ansprechbar, geduldig, aber bestimmt gewesen, heißt es. 

Konflikte mit der Chefredaktion habe sie von ihrem Team nach Möglichkeit ferngehalten. Für den einen oder die andere sind dies die Gründe dafür, dass Heid zukünftig innerhalb der Redaktion einem anderen Job nachgehen sollte. Denn Chefredakteur Harms habe seine oberste Politik-Journalistin halten wollen, heißt es. Nur eben nicht in der Ressortverantwortung. 

Das „größte Ressort aller Zeiten“

Die Entscheidung scheint der Politik-Chefin ohnehin einfach gemacht worden zu sein. In Heids Abwesenheit wurde ihr Ressort umgebaut. Gleich mehrmals. Gewusst haben soll die Chefin davon nichts. Was geschah:

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Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.
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