Wissenslücke bei der Welt

Seit dem umstrittenen Gastbeitrag über die öffentlich-rechtliche „Trans-Ideologie“ ist die Unruhe innerhalb der Welt-Redaktion so groß wie lange nicht mehr. Dabei rumort es bereits seit einiger Zeit – mit Konsequenzen. Chefredakteur Ulf Poschardt muss demnächst gleich drei Posten in der Wissen-Redaktion neu besetzen. Und das hat auch mit Welt-Star Tim Röhn zu tun.

Bei Axel Springer trainiert man seit Jahren einen besonderen Muskel. Er zieht sich immer dann zusammen, wenn etwas in die falsche Richtung läuft. Wenn man von außen in Bedrängnis gerät zum Beispiel. Dann rückt man intern zusammen, bis man so eng steht, dass nichts mehr nach innen durchdringen kann. Kritik prallt dann einfach ab. Es dringt aber auch nichts mehr nach außen.

Bei der Welt ist dieser Schließmuskel besonders ausgeprägt. Doch auch in der Springer-Anatomie gilt: Er reißt, wenn er überstrapaziert wird. Der Schutzmechanismus funktioniert dann nicht mehr. Auch das ist bei der Welt nun geschehen. Und was nach außen sickert, riecht nach Frust.

Der Grund dafür liegt auch in dem jüngsten Eklat rund um den Gastbeitrag, in dem fünf Autoren eine „Transgender-Ideologie“ in den öffentlich-rechtlichen Medien angeprangerten und der von Kritikern als queer- und transfeindlich eingestuft worden war. Aber nicht nur.

Exodus im Wissen-Ressort

Im Welt-Organismus rumort es seit Monaten. Wo es nun eskaliert: im Wissen-Ressort. Am Wochenende twitterte SZ-Redakteurin Christina Berndt, was sich mit Recherchen von Medieninsider deckt. Kürzlich haben gleich drei der etwa elf Redaktionsmitglieder ihre Kündigung eingereicht:

► Birgit Herden, studierte Biochemikerin und seit 2018 Redakteurin bei der Welt.

► Michael Brendler, studierter Mediziner und seit 2020 Redakteur bei der Welt.

► Pia Heinemann, studierte Biologin, seit 2018 Ressortleiterin.

Ulf Poschardt will die Personalien auf Anfrage nicht kommentieren. Eine Sprecherin bestätigt die Kündigungen, schreibt allerdings: „Zu konkreten Gründen für Kündigungen äußern wir uns grundsätzlich nicht.“

Die Abgänge sorgen in Teilen der Redaktion für Beunruhigung. Mit den Kollegen sieht man (natur-)wissenschaftliche Expertise schwinden. Besonders die Personalie Heinemann macht Kollegen Sorge. Immerhin ist sie seit etwa 15 Jahren für Welt tätig. Die Journalistin genieße in großen Teilen der Redaktion eine professionelle Autorität und sei in Wissenschaftsfragen ein wichtiges Korrektiv gewesen, sagen Kollegen.

Innerhalb der Redaktion ist man sich einig, dass die Kündigungen mitunter auf die gleichen Gründe zurückzuführen sind: Grabenkämpfe, die sich vor allem entlang der Corona-Front zugetragen haben.

Wie es heißt, sei es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Konflikten zwischen Wissen-Journalisten und anderen Teilen der Redaktion gekommen. Dabei sei es immer wieder um handwerkliche Fragen und Faktenlagen in der Corona-Berichterstattung gegangen, aber auch um Tendenzen in der Berichterstattung. Unterschiedliche Professionen und Ideologien sind aufeinandergeprallt:

► Während die einen die Regierungsmaßnahmen anprangerten und sie für wissenschaftlich unbegründet erachteten, erkannten die anderen darin ein mangelndes Verständnis für wissenschaftliches Vorgehen, teils wissenschaftsfeindlichen Populismus, manche witterten wirtschaftliches Kalkül (Stichwort Abo-Geschäft).

► Während die anderen für mehr wissenschaftlich fundierte Berichterstattung und Nüchternheit plädierten, sahen die einen darin eine unkritische Haltung gegenüber Experten, eine regierungsnahe und unreflektierte Berichterstattung, manche witterten auch eine Einschränkung der Meinungsvielfalt aus Besserwisserei.

Konflikte entfachten offenbar vor allem entlang ressortfremder Autoren, wie Redaktionsmitglieder berichten. Nicht nur im Wissen-Ressort sei mit Skepsis beobachtet worden, dass über den Beiträgen von beispielsweise Feuilleton-Chef Andreas Rosenfelder immer öfter das Schlagwort Corona stand. Gestritten worden sei immer wieder auch über die Rollen der Welt-Autoren Elke Bodderas und Tim Röhn.

Alle positionierten sich in den vergangenen Monaten immer wieder kritisch gegenüber den politischen Maßnahmen und warnenden Experten aus der Wissenschaft. Immer wieder wurden Zahlen, Daten und Studien hinterfragt und die Politik für Entscheidungen aufgrund falscher oder fehlender Erkenntnisse kritisiert.

In der Welt, heißt es aus Redaktionskreisen, sei beides gefordert und gewünscht. Evidenzbasierter Wissenschaftsjournalismus einerseits, investigativer Journalismus und kritische Meinungsbeiträge andererseits. Nüchterne Faktenrecherche und unsanfter Skeptizismus.

Auf Konflikte zwischen den Autoren angesprochen, antwortet eine Sprecherin: „Welt steht für Debatte. Das gilt für Redaktionskonferenzen, in denen jeder und jede seine Meinung äußern kann und davon auch Gebrauch macht, genauso wie für die Berichterstattung. Es ist Essenz der Marke, Rede und Gegenrede zu institutionalisieren, ob bei Corona, dem Ukraine-Krieg oder der Klimapolitik.“

Am Thema Corona werde jedoch deutlich, wie schwer beides miteinander einher gehe, sagen Beobachter. Das Grundsatzproblem: Politische und wissenschaftliche Betrachtungsweisen lägen oft zu weit auseinander.

► So sei die stetige Suche nach einer Opposition und einer Gegenmeinung, wie es in der Politik üblich ist, mit der Wissenschaft nicht vereinbar. Auch könne man Wissenschaft nicht als eine Meinung betrachten.

► Auf der anderen Seite fehle oft das Verständnis, dass sich Wissenschaftsjournalisten eher auf das Erklären konzentrieren anstatt ständig Fakten anzuzweifeln und das Haar in der Suppe zu suchen.

Affront gegen etablierte Ressorts

Bei der Welt hat man offenbar versucht, beides nebenher statt miteinander funktionieren zu lassen. Die Stimmung innerhalb der Redaktion spitzte sich offenbar zu als Ulf Poschardt damit begann, das Lager außerhalb der Wissen-Redaktion zu institutionalisieren.

Im Herbst vergangenen Jahres bildete der Chefredakteur um den damals noch freien Mitarbeiter Tim Röhn ein inoffizielles Corona-Recherche-Team. In der Redaktion hat man das als Affront gegen das Wissen-Ressort interpretiert. Auch weil die Kollegen immer wieder angerufen worden seien, um bei den Recherchen des Teams von wissenschaftlicher Seite her zu unterstützen.

Nach seiner Einstellung als Chefreporter zu Beginn des Jahres wurde Röhn jüngst wieder befördert. Seit zwei Wochen leitet er das neu geschaffene Ressort Schwerpunktthemen.

Auf Nachfrage erklärt eine Sprecherin, dass Ressort „bündelt Ressourcen für einzelne Schwerpunktthemen“. Dabei gehe es um Themen, „die zu sperrig sind, um sie im schnelllebigen Nachrichtengeschäft zu bearbeiten und bei denen die Redaktion mehr Rechercheaufwand sieht“. Bislang war anzunehmen, dass dafür das bereits seit langer Zeit existierende Investigativ-Ressort zuständig ist. Auf die Frage, wie beide Teams zueinander stehen, heißt es weiter: „Beide Ressorts arbeiten eng zusammen.“

In der Redaktion sieht man damit weitere Konflikte programmiert. Auch rätselt man, was Poschardt mit solchen Konstellationen bezwecken wolle, ob die Positionierung möglicherweise Effekte erzielen soll, wie sie im Wissen-Ressort zu beobachten sind. Manche glauben, dass der Chefredakteur mit dieser Art und der Förderung seiner „Lieblinge“ eine Spaltung der Redaktion befeuert.

Die Frage, die sich intern stellt, lautet, welche Grenzen Poschardts Freiheits- und Meinungsvielfaltsdenken hat – und was er bereit ist, dafür zu zahlen. Denn wenn ein Lager geht, schwindet immer auch ein Stück Diversität.

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INSIGHT #2

Berichte, Analysen, Wortlautprotokolle: Alle Medieninsider-Artikel zur Causa Reichelt in einem Dossier auf 68 Seiten.

Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.

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