Eine vertane Chance

Es wird der Tag kommen, an dem es für Verlage zu teuer sein wird, eine gedruckte Zeitung zuzustellen. Schon jetzt wird nach staatlichen Subventionen gerufen, um das Leben des Papiers zu verlängern.

Die so genannten weißen Flecken in der Zustellung dürften zuerst auf bevölkerungsarmen Flächen entstehen, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg. Gerade dort sollten die Verlage also interessiert sein, möglichst viele Bestandsabonnenten ihrer Heimatzeitung in digitale Leser umzuwandeln. Ein Erlebnis aus dem persönlichen Umfeld zeigt: Der Vorgang scheitert nicht unbedingt am Leser, sondern am Verlag. 

Meine Mutter ließ sich – ganz klassisch in einem Einkaufszentrum – zu einem Probe-Abo der Ostsee-Zeitung (Madsack) überreden. Als die Bestätigung kam, fragte ich sie, ob ein Online- oder E-Paper-Zugang dabei sei. Meine Mutter ist 60 Jahre alt und gehört damit für (Regional-)Zeitungen zu einer wichtigen Zielgruppe. Sie wird, glaubt man den Marktprognosen, die gedruckte und physisch zugestellte Zeitung überleben. Will der Verlag sie halten, muss er meine Mutter zur digitalen Leserin konvertieren.

Und tatsächlich, im Willkommensschreiben der Ostsee-Zeitung heißt es: 

Die gute Nachricht also: Digital wurde mitgedacht. Die schlechte: Durchdacht wurde es offenbar nicht.

Auf xpaper.ostsee-zeitung.de gibt es keinen Bereich oder Button, um sich mit Benutzernamen und Kennwort zu registrieren. Lediglich ein Login erscheint rechts oben auf der Seite. Aber mit welchen Daten soll sich die neue Leserin nun einloggen?

Beim Klick auf Anmelden kann man zwar sein Passwort zurücksetzen und landet auf der Seite viva.niedersachsen.com, einer Subdomain einer ehemaligen und nicht mehr aufrufbaren Nachrichtenseite von Madsack. Aber auch dafür benötigt man E-Mail-Adresse und Benutzername, beides ist beim Verlag noch nicht hinterlegt und meiner Mutter nicht bekannt. Wohl bemerkt: Meine Familie lebt in Rostock. Plötzlich in Niedersachsen irritiert. Nicht jeder kennt den Madsack-Hintergrund. 

Meine Mutter greift zum Hörer. Der Kundenservice richtet ihr nun manuell ein Konto ein. Kurz darauf bekommt sie ihren Benutzernamen per Mail mitgeteilt und auch einen Link, um das Passwort zurückzusetzen. Ihr altes Passwort würde dadurch deaktiviert werden, heißt es. Ihr Passwort, das sie ja gar nicht hatte. 

Einzelfall oder nicht: Die Geschichte veranschaulicht die Defizite der Verlage in der Digitalisierung. Da die Madsack-Zeitungen alle das gleiche Interface für das E-Paper nutzen, liegt es nahe, dass dieser Prozess auch woanders noch auftreten wird. Wer sich nicht auskennt oder keine Lust hat, beim Kundenservice anzurufen, wird sich im Zweifel damit abfinden. Er wird nicht konvertieren, vielleicht nicht einmal das Probeabo verlängern.

Das bedeutet eine vertane Chance – von denen es so viele nicht mehr geben wird.


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Matthias Bannerthttps://matthias-bannert.eu
Matthias Bannert ist Mitgründer und Geschäftsführer von Medieninsider. Er hat seine journalistische Ausbildung an der Axel Springer Akademie gemacht, war für "Bild" in Berlin und Los Angeles im Bereich Redaktion und Audience-Development tätig und war Gründungschefredakteur von "upday", dem News-Aggregator von Axel Springer und Samsung. Er ist außerdem Gründer des Mobilitätsmagazins "MOViNC.de" sowie der App "WahlSwiper" ("VoteSwiper").

1 ERGÄNZUNG

  1. Hallo, dieses „Nicht-Mitdenken“ ist mir gerade bei der Rheinischen Post passiert. Da war ich gerade mal 6 Stunden Abonnent. Denn unter einem Artikel wurde ein Abo via Google Play Store offeriert. Das habe ich genutzt. Wurde von RPOnline und Google auch per E-Mail bestätigt. Nur leider löste sich die Bezahlschranke nicht auf. To keep it short: Der offizielle Workaround der RP bestand darin, ich möchte doch bei Google kündigen und ein Abo direkt auf der Site abschließen. Tja, das wollte ich nun aber nicht. Nun bin ich staunender ehemaliger Abonnent eines Mediums, das eine Funktion ausrollte, ohne diese wohl richtig getestet zu haben.

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