Mit Helge Fuhst an der Spitze erhofft sich Axel Springers „Premium“-Gruppe einen Neuanfang. Abhängig ist dieser aber nicht nur vom neuen Chefredakteur. Eine Analyse.
Der scheidende Tagesthemen-Chef Helge Fuhst kann über jeden Tag froh sein, der den Start bei seinem neuen Arbeitgeber hinauszögert. Müsste er sofort in seiner neuen Rolle als – jetzt auch noch – Chefredakteur der Welt antreten, wäre es ein schlechter Start. Zwar ist die Redaktion den Ausnahmezustand gewöhnt, die Umstände des plötzlichen Abgangs von Jan Philipp Burgard erschüttern das Haus aber einmal mehr.
Am Mittwoch vergangener Woche gab Burgard zu Beginn der Konferenz seinen Abschied persönlich bekannt (bevor er Runde noch einmal zu Ende moderierte). In seinem Beisein: der neue „Premium“-CEO Mathias Sanchez und Springer-Vorstand Claudius Senst. Die beiden entschuldigten Verleger und Springer-Chef Mathias Döpfner (wegen eines Arzttermins) und hatten viele lobende Worte für den Chefredakteur dabei, dessen Abgang mit gesundheitlichen Beschwerden begründet wurde. Burgard hatte diese später auf Linkedin öffentlich gemacht.
Die Kommunikation löst in weiten Teilen der Redaktion Unverständnis aus. Manche machten ihrem Frust in den Konferenzen Anfang dieser Woche Luft. Denn in der Zwischenzeit war durch Medienberichte öffentlich geworden, dass Burgard in den vergangenen Tagen nicht nur mit seiner Gesundheit zu kämpfen hatte, sondern auch mit kritischen Fragen zum Geschehen auf der Weihnachtsfeier in der Nacht zum 12. Dezember (zum Hintergrund). In Teilen der Redaktion entstand der Eindruck, man habe ihr nicht nur etwas vorenthalten, sondern auch etwas vormachen wollen.
Am Dienstag schlug „Premium“-CEO Sanchez dann erneut auf. Er wiederholte die bereits veröffentlichte Stellungnahme, dass es für ein Fehlverhalten des Chefredakteurs im Umgang mit Mitarbeiterinnen auf der Feier keine Belege gebe. Er betonte, dass letztlich die gesundheitlichen Umstände der Grund für das Ausscheiden gewesen seien. Er machte aber deutlich, dass es den Anspruch an Führungskräfte gebe, sich vorbildlich zu verhalten. Gemeint war der Umgang mit Alkohol, aufgrund dessen sich Burgard wohl nicht mehr an Details des Abends erinnern konnte. So berichten es Teilnehmer der Debatte, die der CEO schließlich schroff abmoderiert haben soll. Ihr Fazit: Obwohl sich die Situation auch für das Unternehmen knifflig gestaltete, bleibt Unverständnis darüber, die Vorgänge komplett unerwähnt gelassen zu haben. Abgeschlossen ist die Causa für sie noch nicht. Für viele hat das Vertrauen in die Führung und ihre Kommunikation erneut gelitten.
Es sind also schlechte Voraussetzungen für einen Neustart, den sich viele erhoffen – und nun an Fuhst knüpfen. Die Erwartungshaltung an den Neuen an der Spitze der „Premium“-Gruppe und Welt ist groß wie vielseitig.
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