Schreibt die Vize-Chefin der Süddeutschen ohne Kennzeichnung ab?

Die Süddeutsche Zeitung nimmt für sich höchste qualitative Maßstäbe in Anspruch. Dabei will die selbsternannte Autorenzeitung „den besten Journalismus im deutschsprachigen Raum gestalten“. Doch ausgerechnet bei der stellvertretenden Chefredakteurin stellt sich die Frage, ob der saubere Umgang mit Quellen auch immer ernst genommen wird. 

Wäre der Artikel-Output ein Gradmesser für Qualitätsjournalismus, wäre es schwer, mit Alexandra Föderl-Schmid mitzuhalten. Die Journalistin produziert Artikel wie kaum eine andere in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Das ist bemerkenswert, denn sie ist nicht nur Nachrichtenchefin, sondern als stellvertretende Chefredakteurin auch mit vielen anderen Aufgaben betraut. Doch derzeit sind ihre Texte besonders gefragt. Als ehemalige Korrespondentin für Israel und die palästinensischen Gebiete gilt sie als Expertin für die Geschehnisse in Israel und Gaza seit dem 7. Oktober. Fast täglich ist seitdem mindestens ein Autorenstück von ihr erschienen. Eine Leistung, die nicht unbemerkt bleibt. Aus Redaktionskreisen heraus wird sie gegenüber Medieninsider als „Schreibmaschine“ beschrieben.

Doch die Arbeit eines Journalisten wird nicht nur am Output gemessen. Schon gar nicht bei einer Zeitung wie der Süddeutschen, die höchste Qualitätsmaßstäbe für sich beansprucht. Es sind andere Kriterien, die gute Journalisten und ihre Berichterstattung ausmachen. Kompetenz und Informationsdichte gehören sicher ebenso dazu wie ein verantwortungsvoller und gewissenhafter Umgang mit Informationen. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der „publizistische Kompass“, den die SZ vor einigen Jahren aufgelegt hat. Die Süddeutsche stehe für „den besten Journalismus im deutschsprachigen Raum“, heißt es darin. „Gründliche, unvoreingenommene Recherche“ sei ebenso „die Basis unserer Arbeit“ wie „sorgfältiges Verfassen und Redigieren von Texten“.

Es ist ein Selbstverständnis, das besonders für jemanden wie Föderl-Schmid auch ohne niedergeschriebenen Kompass gelten dürfte. Vor ihrer Zeit bei der Süddeutschen prägte Föderl-Schmid als Chefredakteurin und Mitherausgeberin die österreichische Tageszeitung Standard. Ohnehin hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten mit Qualitätsjournalismus beschäftigt und dafür eingesetzt. Als Doktorandin an der Universität Salzburg über das duale Rundfunksystem in Deutschland, als Vorstandsmitglied im Verein der Ausländischen Presse, im Board des Reuters Institute for the Study in Journalism in Oxford und als Verfechterin der Medienethik, die nach eigenen Angaben „maßgeblich an der Wiedererrichtung des Presserates in Österreich“ mitgewirkt habe. Und doch hat Medieninsider ausgerechnet in den Artikeln der stellvertretenden Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung Auffälligkeiten entdeckt, die zumindest Fragen nach einem angemessenen Umgang mit Quellen und handwerklichen Standards aufwerfen. 

Auffällige Ähnlichkeiten mit weiteren Veröffentlichungen – auch von Springers Welt

So finden sich in Veröffentlichungen von Föderl-Schmid Teile, die auch in Texten und Artikeln vorkommen, die weder von ihr selbst noch von der Süddeutschen Zeitung stammen. Dabei ähneln sich die Fragmente stark, teilweise sogar wörtlich.

Konkret liegen Medieninsider drei Veröffentlichungen aus den vergangenen Wochen vor, in denen mit Hilfe einer Plagiatssoftware an elf Stellen Übereinstimmungen mit anderen Texten gefunden werden konnten. Diese Stellen wurden von der Software in der Regel als „leicht“ oder „mäßig umgeschrieben“ kategorisiert, in einem Fall sogar als „exakte“ Übereinstimmung. Medieninsider hat diese Teile herausgegriffen und visualisiert, um die Stellen transparent und nachvollziehbar zu machen. Außerdem haben wir Alexandra Föderl Schmid und die Süddeutsche Zeitung mit den Auffälligkeiten konfrontiert und eine Stellungnahme eingeholt. Wie sind die Übereinstimmungen zu erklären?

Zum Thema: „Mieses kleines Verleumdungsstück“: Die Süddeutsche spinnt in Causa Föderl-Schmid eine Verschwörungstheorie

Die Hamas-Ideologie 

Der erste von Medieninsider identifizierte Text ist eine Erläuterung der radikalen Ideologie und der Entstehung der Hamas. In diesem Artikel geht Föderl-Schmid auch auf die sogenannte Hamas-Charta ein. Dazu finden sich im Text drei Passagen, die über mehrere Sätze hinweg Ähnlichkeiten mit einem 2017 veröffentlichten Islamismus-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) aufweisen. Dabei wurden Formulierungen der BPB-Autoren ebenso übernommen wie Zitate, die wiederum dort zu finden sind. In den Visualisierungen von Medieninsider sind die als ähnlich eingestuften Fragmente farblich hinterlegt, wortgleiche Ähnlichkeiten sind zusätzlich fett markiert.

Die von Medieninsider verwendete Software PlagAware kategorisiert die markierten Teile als „mäßig“ (Übereinstimmung 79%) und „leicht umgeschrieben“ (85 bzw. 90%)  ein, einen Satz als „exakte“ Übereinstimmung (100 %).

Medieninsider hat sowohl Föderl-Schmid als auch die beiden Chefredakteure Wolfgang Krach und Judith Wittwer mit den Ergebnissen konfrontiert und um Stellungnahme gebeten. Die Antwort übernommen hat Föderl-Schmid selbst. Medieninsider dokumentiert sie im Wortlaut. Zu den Ähnlichkeiten mit der Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung erklärt Föderl-Schmid:

„Bei den unter Punkt 1 genannten Beispielen (Hamas-Ideologie) handelt es sich großteils um Erklärungen, um Einordnungen zur Lage oder zu Ereignissen in Israel und den palästinensischen Gebieten. In den Artikeln werden technische Vorgänge und Systeme beschrieben, unter anderem geht es auch um Übersetzungen etwa der Hamas-Charta, sodass sich hier ähnliche Formulierungen ergeben. Es geht hier nicht um geistige Eigenleistungen anderer Autorinnen und Autoren wie bei Essays, Reportagen oder bei Kommentaren. Es geht um Faktenbeschreibungen und Definitionen. Um die Ideologie der Hamas zu beschreiben, greife ich beispielsweise zurück auf die Charta der Hamas und gebe diese, auszugsweise, ins Deutsche übersetzt wieder. Dass die Formulierungen in der SZ hier also zum Teil wort- oder satzgleich denen anderer Quellen sind, wie etwa der Bundeszentrale politischer Bildung oder anderer, ist also unvermeidlich.“  

Die stellvertretende Chefredakteurin der Süddeutschen erklärt die Ähnlichkeiten also damit, dass es sich einerseits nur um übersetzte Zitate aus der Charta handele, andererseits nur um Erläuterungen und Definitionen, bei denen es keine eigene Schöpfungshöhe gebe. 

Das Tunnelsystem der Hamas

In einem weiteren Artikel erläuterte Föderl-Schmid die sogenannte Metro im Gazastreifen, das Tunnelsystem der Hamas. In dem Artikel der SZ kommt auch Kobi Michael vor. Als Militärexperte am Institut für Nationale Sicherheitsstrategie in Tel Aviv ist Michael ein gefragter Interviewpartner, der in den vergangenen Wochen in der Berichterstattung zahlreicher Medien aufgetaucht ist – mehrmals auch in der SZ. Föderl-Schmid hat Kobi Michael nicht nur in ihrem Artikel über das Metro-System der Hamas zitiert, sondern auch in einem weiteren Artikel, der am selben Tag erschien. Einige von Michaels Zitaten ähneln Aussagen, mit denen er auch in anderen Medien zitiert wird. Gegenüber Medieninsider macht Föderl-Schmid glaubhaft, mit Michael persönlich Kontakt gehabt zu haben. Auf Nachfrage bestätigt der Experte einen E-Mail-Verkehr.

Trotzdem bleiben Fragen, auf die Föderl-Schmid in ihrer Antwort nicht weiter eingegangen ist. Weshalb beispielsweise treffen manche Aussagen von Kobi Michael den exakten Wortlaut, der auch in einem Artikel der Welt zu finden ist, der bereits 2021 erschien? Zu finden sind auch weitere Formulierungen, die denen im Welt-Text ähneln. So führt Föderl-Schmid unter anderem wortgleich einen Verweis auf ein Interview von Hamas-Führer Ismail Hanija mit Vanity Fair an, das bereits 2014 erschien. 

Insgesamt weisen der Artikel von Föderl-Schmid und der Welt-Text an sieben zusammenhängenden Stellen große Ähnlichkeit auf. Davon identifiziert PlagAware zwei Sätze als „exakte“ Ähnlichkeit (Übereinstimmung: 100%), drei weitere Passagen als nur „leicht umgeschrieben“ (83%, 91% und 86%), zwei als „mäßig umgeschrieben“ (71%, 79%), eine Stelle als „stark umgeschrieben“ (58%).

Bei den Ähnlichkeiten zum Welt-Text handelt es sich teilweise um weitere Zitate von Michael Kobi, wobei auch indirekte Zitierungen mit denen in der Welt übereinstimmen. Die meisten Formulierungen sind aber einordnende Sätze oder Ausführungen, die dem Welt-Text fast wortgleich ähneln:

Das SZ-Lexikon

Ein in der Süddeutschen gesetztes Format ist das sogenannte Lexikon. Hier erklärt die Redaktion unter Gesichtspunkten der Aktualität Begrifflichkeiten. Am 8. Oktober 2023, also einen Tag nach dem Überfall der Hamas auf Israel, ging ein solcher Beitrag zum jüdischen Feiertag Simchat Tora online. Auch diesen hat Föderl-Schmid beigesteuert und mit eigener Autorenzeile versehen. Bis auf wenige Worte ähnelt der Beitrag wortgleich einem Text, der auf der Seite des Jüdischen Museums in Berlin erschienen ist. 

Als Erklärung zu den Überschneidungen antwortet die Journalistin:

„Es handelt sich hier um einen Lexikon-Text, bei dem nicht der Anspruch auf besondere journalistische Originalität im Vordergrund steht, sondern der Anspruch, einen Sachverhalt oder einen Begriff möglichst präzise und allgemeinverständlich zu erklären. In dem Bemühen, auf sehr wenig Platz diesen jüdischen Feiertag zu erklären, habe ich möglicherweise aus einer Quelle zu viel wörtlich übernommen. Dies bedauere ich.“

Rest der Chefredaktion gibt keine Stellungnahme ab

Die hier auffälligen Beispiele beziehen sich alle auf den Zeitraum nach dem 7. Oktober 2023, dem Tag, an dem die Hamas in Israel eingefallen sind. Ohne Frage waren die darauffolgenden Wochen für Auslandskorrespondenten und Nachrichtenjournalisten eine Ausnahmesituation. Auch das erklärt den hohen Output Föderl-Schmids, die nach eigenen und Redaktionsangaben zusätzlich direkt aus Israel berichtet hat. Medieninsider hat versucht, weitere Artikel aus der jüngeren Vergangenheit zu überprüfen. Auch dabei fielen einige Formulierungen auf, die jedoch auf Material von Nachrichtenagenturen zurückzuführen sind. Dies wurde in den Autorenstücken von Föderl-Schmid nicht immer als solches gekennzeichnet, jedoch lässt sich ein solches Vorgehen teilweise auch bei anderen Medien beobachten. 

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Und trotzdem werfen die aufgekommenen Beispiele Fragen auf: Sind auch in der weiteren Vergangenheit Artikel entstanden, die große Ähnlichkeiten mit anderen Werken aufweisen? Wurden weitere Werke womöglich teilweise kopiert oder umgeschrieben? Inwiefern sind Vorgänge wie diese überhaupt mit den redaktionellen Regeln und dem Selbstverständnis der SZ als Autorenzeitung und Qualitätsmedium zu vereinen?

Antworten gibt es auf Nachfrage nicht. Föderl-Schmid ging nicht weiter darauf ein. Unklar bleibt auch, wie die Süddeutsche weiter in dieser Sache verfährt und ob sie womöglich eigene Überprüfungen vornimmt. Wolfgang Krach und Judith Wittwer, die als Chefredakteure der Süddeutschen gesamtverantwortlich sind, haben sich über die Stellungnahme von Föderl-Schmid hinaus keine weitere abgegeben. 

Dabei wirft der Vorgang auch weitere Fragen dahingehend auf, ob und inwiefern bei der Süddeutschen noch journalistische und redaktionelle Standards sichergestellt werden können. In den vergangenen Monaten machte die Süddeutsche immer wieder wegen journalistischer Vergehen oder umstrittenen Entscheidungen auf sich aufmerksam. So fiel jüngst erst Katrin Steinberger negativ auf. Zapp beleuchtete die Rolle der heutigen Chefin der wichtigen Seite 3 im Fall des verurteilten Mörders Jens Söring. Demnach beriet Steinberger Sörings Umfeld in PR-Angelegenheiten. Das Thema, das in der Vergangenheit auch schon Übermedien aufgetan hatte, wurde bei der Süddeutschen lange ignoriert, auch nach erneuter medialer Aufmerksamkeit versuchte sich die Chefredaktion zunächst in Schweigen zu hüllen. Erst nach Widersprüchen äußerte sich Krach in einer Redaktionskonferenz und bezeichnete Teile von Steinbergers Vorgehen als Fehler, wie Übermedien ebenfalls berichtete. Anschließend äußerte er sich auch gegenüber Zapp. Weitere Konsequenzen gab es bislang nicht. 

Erst wenige Wochen zuvor war die Süddeutsche als Zeitung wiederum im Umgang mit dem bayerischen Vize-Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger kritisiert worden. Die SZ berichtete über ein antisemitisches Flugblatt, das in Jugendjahren im Schulranzen von Aiwanger gefunden worden war und stellte ihn stark unter Verdacht, das Schreiben selbst aufgesetzt zu haben. Wenig später meldete sich der Bruder des heutigen Chefs der Freien Wähler und behauptete, Urheber des Flugblatts zu sein. Es folgte eine Diskussion über die Art und Weise, wie die SZ berichtet und ob sie die Grenze zum Aktivismus übertreten hatte. Auch Chefredakteur Krach schrieb unmittelbar nach der ersten Berichterstattung einen Kommentar, in dem er den Rücktritt Aiwangers forderte. Darin schrieb er auch, dass es auf die Urheberschaft des Pamphlets nicht mehr ankomme. Co-Chefin Wittwer merkte später im Interview mit der Zeit an, dass die SZ insgesamt vielleicht zu viele Meinungsbeiträge zu diesem Thema abgesetzt haben könnte. 

Noch immer präsent in der Redaktion ist auch die Kritik aus den vergangenen Jahren an einer antisemitischen Einstellung der Süddeutschen. Immer wieder wurde die SZ dafür kritisiert, Ressentiments gegenüber Juden zu transportieren. 2018 trennte sie sich von ihrem Karikaturisten Dieter Hanitzsch, nachdem eine Zeichnung israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu als antisemitisch aufgefasst worden war. 2022 sorgte eine weitere Karikatur über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für Aufregung. Und in der Zwischenzeit sah sich die SZ zudem dem Vorwurf antisemitischen Verhaltens gegenüber dem Künstler Igor Levit ausgesetzt. In der SZ war ein Artikel erschienen, den Krach und Wittwer wenige Tage in einer Entschuldigung als „stellenweise sehr polemisch“ bezeichneten. Damals hatte es geheißen, man wolle weiter diskutieren, was man daraus lernen könne. 


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Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.

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