Julian Reichelt: Döpfners dauerhafte Bewährungsprobe

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ist seiner Machtposition womöglich nicht gerecht geworden. Dass die Lage im Axel-Springer-Haus derzeit so eskaliert, hat aber auch strukturelle Gründe. Und die Verantwortlichen dafür sitzen ein paar Etagen oberhalb der Bild-Redaktion. Ein Kommentar. 

Im Laufe vergangenen Jahres hat sich Mathias Döpfners Bewusstsein verändert, besonders ein Thema hat für ihn völlig neue Bedeutung und Priorität gewonnen: Resilienz. Das berichtete er, als er vor einigen Wochen überraschend bei Clubhouse auftauchte, dort sprach er über fast nichts anderes. Der Begriff aus der Psychologie beschreibt die Fähigkeit, sich von Lebenskrisen nicht unterkriegen zu lassen, im besten Fall sogar gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Man kann ihn auch übersetzen mit Widerstandsfähigkeit. Döpfner stellt seine auf eine besondere, fast schon dauerhafte Bewährungsprobe. Sie heißt Julian Reichelt.

Bei Bild wird intern ermittelt. Wieder einmal geht es um mögliches Fehlverhalten des Chefredakteurs. Aktuell steht sein Umgang mit Mitarbeitern auf dem Prüfstand, vor allem der mit weiblichen. Seit bald einem Monat soll das derzeitige Compliance-Verfahren nun laufen. Die Ermittlungen dauern an, dem Vernehmen nach weil immer wieder neue Hinweise und entsprechend neue Zeugen identifiziert werden. Sie halten aber auch an, weil sich die Gesprächsbereitschaft vieler in Grenzen hält. Das gilt sowohl für Belastendes als auch Entlastendes.

Der Chefredakteur ist weg, das toxische Klima aber noch da

„Wir wollen, dass jeder ohne Angst auf mögliche Missstände und Fehlverhalten hinweisen kann“, schrieben Döpfner und News-Vorstand Jan Bayer vergangene Woche. Dass eine solche Atmosphäre vorhanden ist, daran gibt es intern augenscheinlich Zweifel. Von Verunsicherung und Eingeschüchtertheit ist zu hören. Die Freistellung Reichelts hat daran bislang wenig geändert. Der Chefredakteur ist vorübergehend weg, das toxische Klima aber noch da.


Julian Reichelt wird freigestellt

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt. Foto: Axel Springer SE
Die Compliance-Ermittlungen bei Bild dauern an. Am Samstagabend gab Julian Reichelt nun bekannt: Er wird freigestellt. Medieninsider dokumentiert die interne Slack-Nachricht des Chefredakteurs an die Belegschaft, in der er den Schritt begründet. Den Artikel findest du hier.

Verantwortliche, die sich über viele Vorwürfe, aber wenig Belege wundern, sollten das nicht ohne Selbstkritik tun. Das große Schweigen ist auch ein Misstrauensvotum gegenüber der Institution Axel Springer.

Um zu erkennen, dass intern bei Bild etwas im Argen liegt, braucht man nicht zwingend ein Ohr an der Redaktionstür. Es reicht darauf zu schauen, wer durch sie hinausgegangen und nicht mehr zurückgekehrt ist. Viele Spitzenleute haben Bild – auch im Rahmen des groß angelegten Abfindungsprogramms – in den vergangenen Monaten verlassen, darunter welche, die Reichelt selbst platziert hat. Es wäre also falsch zu behaupten, es seien nur die gegangen, die sich von Reichelt übergangen oder ungerecht behandelt fühlten. Andererseits braucht man sich nicht zu wundern über den Eindruck, dass fliegt, wer nicht Gewehr bei Fuß an der Seite des Commanders steht. 


Stuckrad-Barres besondere Rolle im Compliance-Verfahren bei Bild

Autor Benjamin von Stuckrad-Barre. Foto: Stefan Schäfer, Lich, Axel Springer SE Montage: Medieninsider
Der bekannte Popliterat steht in besonderen Beziehungen zu Julian Reichelt als auch zu Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner. Die Hintergründe kannst du hier nachlesen.

Die Berufung Reichelts hat viele Spitzenkräfte gekostet, stellt man die Abgänge und Neuzugänge gegenüber, ist ein gewisses Qualitätsgefälle nicht von der Hand zu weisen. Wenn langjährige Mitarbeiter und Autoritätspersonen gehen, ohne dass adäquater Ersatz erfolgt, drückt das auf die Stimmung und belastet die Arbeitsmoral. 

Der Vorstand, allen voran Mathias Döpfner, muss sich vorwerfen lassen, lange dabei zugesehen zu haben. Diese Passivität vermittelte nur einen Eindruck: Was da bei Bild passiert, das passt schon. 


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Keine Frage: Ohne Rückendeckung des Vorstandsvorsitzenden kann ein Bild-Chef nicht arbeiten. Döpfners zementiertes Bekenntnis sorgt allerdings innen wie außen, unten wie oben zunehmend für Verwunderung. Auch publizistisch hat Reichelt bereits genügend Anlässe geliefert, die eine Trennung gerechtfertigt hätten (Stichworte Kühnert, Drosten, Solingen). Doch wenn es brenzlig wurde, sprang Döpfner seinem Chefredakteur nicht nur zur Seite, er baute ihn weiter auf. 

Die Macht des Einzelnen wurde gestärkt

Nach dem journalistischen GAU im Sommer vergangenen Jahres rund um den Virologen Christian Drosten demonstrierten Döpfner und Reichelt in einem gemeinsamen Podcast vor allem Einigkeit. Der CEO äußerte sogar seine Bewunderung für den Chefredakteur. Nur wenige Wochen später wurde Reichelt zusätzlich zum Sprecher der Geschäftsführung befördert. Auf dem Weg an die Spitze hatte Reichelt bereits einige Gegenspieler weggeräumt. Von Tanit Koch übernahm er die Printausgabe, nach dem Abgang von Marion Horn zog er auch die Bild am Sonntag näher an sich heran. 

Döpfner hat die Macht des Einzelnen nicht reguliert, er hat sie gestärkt. Er hat das Gegenteil dessen befördert, was er für den Rest des Konzerns predigt, was unter progressivem Personalmanagement und moderner Unternehmenskultur zu verstehen ist. Er hat sich unglaubwürdig gemacht, in dem eine unheimliche Nähe zwischen ihm und Julian Reichelt suggeriert wurde. Die dauerhafte Bewährungsprobe Reichelt hat vielleicht dazu geführt, dass aus Widerstandsfähigkeit Ignoranz geworden ist. Für das Medienhaus Axel Springer ist das ein Problem. Es ist schwer vorstellbar, dass aus dieser Krise überhaupt jemand gestärkt hervorgehen wird. 


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Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.
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