Gregor Peter Schmitz auf Stern-Mission

Fast ein halbes Jahr hat RTL benötigt, um zu bestätigten, was längst jeder wusste: Gregor Peter Schmitz wird neuer gesamtverantwortlicher Chefredakteur des Stern. Er soll dem einstigen Flaggschiff des ebenso einstigen Verlags Gruner + Jahr noch einmal neues Leben einhauchen und die Marke endlich transformieren – eine Mission, die so groß und unmöglich scheint wie nie zuvor. Eine Analyse.

Es gab Zeiten, da verkaufte der Stern mehr Hefte als der Spiegel und war die klare Nummer Zwei im Zeitschriftenmarkt. Heute begegnet einem das Heft in der Regel nur noch im Wartebereich bei Friseur- oder Arztbesuchen. Und auch das immer seltener.

Die Entwicklung des Stern liegt nicht nur im Medienwandel begründet, denn Auflage verlieren alle. Der Stern hat über die Jahre seine publizistische Stärke auf der Strecke gelassen, an Schlagkraft und Relevanz verloren, auch weil das Print-orientierte Medienhaus Gruner + Jahr es nicht wirklich geschafft hat, sie ins Digitale zu übersetzen und ihr damit eine Perspektive zu geben. Wofür der Stern heute noch steht? Schwer zu sagen. Und auch beim Stern weiß man das nicht mehr so genau. Die „Wundertüte“ des Henri Nannen, sie gehört längst der Vergangenheit an. Eine Entwicklung für die nicht nur die aktuellen Chefredakteure und Manager verantwortlich sind. Nach jahrelangem Sparkurs soll sich das nun wieder ändern.

Mit der Übernahme durch RTL hat man plötzlich Ambitionen entdeckt, doch noch etwas aus dem Stern zu machen – zumindest behauptet man das. Es geht darum, die Marke noch einmal aufzuladen. Und das nicht nur im Netz, sondern auch auf dem TV-Bildschirm. In Hamburg und Köln beteuert man mehr inoffiziell als offiziell, dafür sogar noch einmal richtig Geld in die Hand zu nehmen. Es soll auch ein Zeichen sein, im fusionierten Unternehmen die Verlagsbestrebungen nicht aufgegeben zu haben. Gemeinsam mit RTL soll der Stern eine Zukunft haben. Irgendwie.

Das macht den Job des Chefredakteurs des Stern zu einer der größten Herausforderungen, die die Medienbranche derzeit zu bieten hat. Es ergibt sich die Chance, eine – wenn auch eine späte – Erfolgsgeschichte zu schreiben. Zugleich birgt sie das Risiko, es so richtig zu vermasseln und die Marke Stern so zu verwässern, dass sie sich schließlich auflöst.

Bei Gruner + Jahr beziehungsweise RTL glaubt jedenfalls, das richtige Führungspersonal für die neue Stern-Mission nicht in den eigenen Reihen zu haben. Jemand von außen soll es richten. Gregor Peter Schmitz.

Brüssel – Washington – Augsburg: das ist Gregor Peter Schmitz

Schmitz, Jahrgang ’75, kommt von der Augsburger Allgemeinen, die er die vergangenen vier Jahre als Chefredakteur geleitet und dort einen Generationenwechsel eingeläutet hatte. Sein Vorgänger arbeitete 48 Jahre für die Regionalzeitung, vom Volontariat bis zur Rente. Schmitz hat die gemächlich beim Blatt in Gang gebrachte digitale Transformation beschleunigt, dabei auf ein Führungsteam sowohl aus internen als auch externen Führungskräften gesetzt.

Vor allem hat er die Zeitung immer wieder über die eigene Region hinaus relevant gemacht. Zum einen durch das Festhalten an einer eigenen Hauptstadtberichterstattung, zum anderen durch persönlichen Einsatz. Schmitz war einer der wenigen Chefredakteure einer Regionalzeitung, die immer wieder in TV-Talkshows oder im Morgenmagazin der öffentlich-rechtlichen zu sehen waren. Überhaupt ist er alles andere als ein Provinz-Journalist. Er verfügt über ein breites Netzwerk in Politik und Wirtschaft. Vor seiner Zeit in Augsburg leitete er die Hauptstadtredaktion der WirtschaftsWoche, arbeitete für den Spiegel in Brüssel und Washington.

Der Wechsel zur Augsburger Allgemeinen war eine ebenso große Überraschung wie der jetzige Wechsel zur RTL beziehungsweise zum Stern, zumal davon auszugehen war, dass der Journalist seinen Augsburger Job, der in Branchenkreisen als „best bezahlter Chefredakteur einer Regionalzeitung“ gilt, noch eine Weile weitermachen würde.

Vor diesen Problemen und Herausforderungen steht der neue Stern-Chef

Sollte der Wechsel aus Drang aus der Komfortzone erfolgen, hat Schmitz sich zumindest die passende Herausforderung herausgesucht.

Was will, was kann der Stern sein?

Nicht nur im Zuge der Ausrichtung unter neuer Eigentümerschaft, sondern auch insgesamt muss sich der Stern neu positionieren. Wochentitel haben es aufgrund ihres Erscheinungsrhythmus besonders schwer. Das Rezept für den Stern lautete zuletzt: „aktivierender Journalismus“, die Redaktion hat Fridays for Future ihr Heft überlassen, Petitionen organisiert und eingereicht, Bäume gepflanzt. Gefruchtet hat das nicht. Für Kritiker war es der Abschied aus dem Journalismus. Für andere – vor allem intern – war es seit langer Zeit überhaupt mal wieder eine Strategie.

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Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.

1 ERGÄNZUNG

  1. Gute stern-Story. Interessante Parallel-Geschichte in der Schweiz beim ehemaligen Magazin-Flaggschiff, der «Schweizer Illustrierten». Auch hier soll eine neue Chefin das Blatt aus dem Tiefschlaf wecken und den Sinkflug aufhalten. Die Anfänge in ihren ersten Monaten sind für die neue Chefredaktorin Silvia Binggeli vielversprechend. Auch die SI soll wieder politischer und gesellschaftlich relevanter werden. der stern hat in der Schweiz in den letzten Jahren viel an Aufmerksamkeit und Bedeutung verloren. Einst war das Blatt unter Henri Nannen auch bei den Eidgenossen Vorbild und Ansporn für engagierten Magazin-Journalismus und ernsthafte Konkurrenz im Magazin-Markt.

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