Versteckspiel in Köln

Dein-Lese-Letter #37/20

Hallo Medieninsider!

Im Lese-Letter dieser Woche erwarten dich folgende Themen:

► Während es in Berlin „Hau den Reichelt“ heißt, wird bei RTL in Köln verstecken gespielt
► Digital-Abos: El País nimmt schon fast ein Viertel des spanischen Markts ein 
► Transformation ist kein Nebenjob: Welche Fehler Verlage im Personalmanagement machen 


Wir starten in den Newsletter dieser Woche kommentierend:

Die derzeitige Empörung über die Solingen-Berichterstattung und die Veröffentlichung von privaten WhatsApp-Nachrichten schutzbedürftiger Kinder wird vor allem über Bild und Axel Springer ausgeschüttet. Sie trifft keinesfalls die Falschen. Sie trifft aber auch nicht alle, die sie verdient haben: die Verantwortlichen von RTL.

Während in Berlin „Hau den Reichelt“ angesagt ist, spielt man in Köln Verstecken. Weder RTL-Chefredakteur Michael Wulf noch Tanit Koch, Chefredakteurin der senderübergreifenden Zentralredaktion, haben sich öffentlich zur Kritik geäußert. Man lässt die Sprecher machen. 

In der Unternehmenskommunikation scheint man um Krisen-PR zudem nicht großartig bemüht. Man bedaure, die WhatsApp-Nachrichten zitiert zu haben, heißt es auf Nachfrage. Noch am Freitag habe man das korrigiert. Diese Aussage war noch nicht einmal richtig. Am Montag waren Chat und Freund des Betroffenen noch immer in der Mediathek zu sehen, erst nach Anfrage von Medieninsider wurde der Beitrag entfernt. Empörung über das Verhalten von RTL blieb weitgehend aus. 

Es mag kommunikativ geschickt sein, sich zurückzuhalten, wenn jemand anderes für dieselben Verfehlungen zur Rechenschaft gezogen wird. Von Führungskompetenz und Verantwortung zeugt das nicht.

Update, 10.09.2020:

Die RTL-Chefs brechen ihr Schweigen – zumindest intern. Übermedien zitiert aus einem Statement, das die Chefredakteure im Intranet der Mediengruppe RTL veröffentlicht haben. Darin gestehen sie ein:

„Der Umgang mit dem Freund des überlebenden Jungen in Beiträgen bei RTL.de, ‚Punkt 12‘ und ‚Explosiv‘ entsprach nicht unserem generellen journalistischem Selbstverständnis.“

Darüber hinaus kündigt die Führungsriege an, einen „Expertenkreis aus Chefredaktion, Plattform-Spezialisten und Qualitätsmanagement“ zu gründen, um Fehler wie in der Solingen-Berichterstattung nicht zu wiederholen.

Den gesamten Beitrag von Übermedien findest du hier.



Julian Reichelt – das muss man ihm lassen bei aller Verweigerung, einen Fehler einzugestehen – geht in den öffentlichen Schlagabtausch. Er riskiert dabei, mehr zu verlieren als zu gewinnen (hier ein Versuch im Deutschlandfunk, hier der Faktencheck des Bildblog dazu). Über den Shitstorm und dessen Verlauf darf man sich bei Bild aber nicht wundern – und auch die bisherige Analyse Reichelts, das Ausmaß liege in über Jahrzehnte gewachsenem Hass gegenüber Bild, ist zu billig (Medieninsider berichtete). 

Allein in den vergangenen vier Monaten hat Reichelt die Empörung über Bild durch eigenes Fehlverhalten befeuert – und damit nicht nur sich und sein Medium in Bedrängnis gebracht, sondern auch den ganzen Springer-Konzern.

Mit der Berichterstattung über den Virologen Christian Drosten im Mai löste Reichelt eine so große Wutwelle aus, dass sich Vorstandschef Mathias Döpfner öffentlich einschaltete. Im Podcast mit Julian Reichelt stellte er fest: Die Wut über Bild habe eine „neue Qualität“ erreicht. „Mitarbeiter sind verunsichert, werden von ihren Freunden und Bekannten kritisiert, dass sie überhaupt für so ein Haus arbeiten, das Bild herausgibt.“ 

Im August der nächste Eklat: Nach Berichterstattung über ein Start-up war die Empörung über eine Überschrift groß, die als rassistisch interpretiert worden war. Die Start-up-Lobby, allen voran ihr Präsident Christian Miele, lief Sturm. Reichelt reagierte, der Vorstand intervenierte. Bei einem Treffen sollen die Wogen nun geglättet werden. Es geht um mehr als Persönliches. Im Werbemarkt ist die Start-up-Industrie längst eine relevante Größe und auch politisch gibt es gemeinsame Interessen. 

Und auch am aktuellen Fall der Solingen-Berichterstattung hängen mehr als Reichelts Ruf oder der seiner Redaktion. Das Herz für Kinder hat am Wochenende nicht aufgehört zu schlagen, es hatte aber kritische Aussetzer. Die über Jahrzehnte gewachsene Charity-Marke ist nicht nur für Bild von Bedeutung, sondern ebenfalls für den ganzen Konzern. 

Verleger Axel Springer bezeichnete Bild mal als seinen „Kettenhund“. Mathias Döpfner und Julian Reichelt machen ihn gerade wieder scharf. Sie riskieren dabei, selbst gebissen zu werden. Das hält der eine besser aus als der andere – aber auch die dickste Haut ist irgendwann mal durch. 

Autor: Marvin Schade


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Mehr News aus der Woche

Nach Start im Mai: El País zählt bereits 64.000 Digital-Abonnenten

Laut Untersuchungen des Reuters Institute in den USA, Großbritannien und Norwegen profitieren vom Wachstumsgeschäft mit digitalen Abos vor allem bereits dominante Marken – ein weiteres Indiz dafür kommt nun aus Spanien. Die Tageszeitung El País bereits mehr als 64.000 Digital-Abonnenten, was einem Marktanteil von etwa einem Viertel entspricht, wie das Nieman Lab fest hält.

El País hat sein digitales Bezahlmodell erst im Mai dieses Jahres gestartet. Die Nachrichtenseite ElDario.es kommt auf 56.000 Abonnenten, startete ihr Bezahlprodukt aber 2012. Die zweitgrößte Tageszeitung Spaniens, El Mundo, startete 2019 und zählt mittlerweile 50.000 digitale Abonnements.

Eine Übersicht über die Digital-Abonnements der spanischen Medien hat der spanische Medienprofessor Miguel Carvajal erstellt.



Taboola und Outbrain fusionieren doch nicht

Die beiden Onlinewerbefirmen Taboola und Outbrain beenden die vor einem knappen Jahr angekündigte Fusion, wie mehrere Medien übereinstimmend berichten. Zwar hatte die Wettbewerbsbehörde in den USA grünes Licht für die Fusion gegeben, die Freigabe in Israel und Großbritannien stand aber immer noch offen. Durch die Coronakrise sollen sich auch einige finanzielle Details geändert haben, woraufhin die beiden Firmen nicht mehr zusammengekommen sein sollen, berichten Techcrunch und Adexchanger. Durch die Fusion hätten die Firmen nach eigenen Angaben zwei Milliarden Menschen im Monat erreicht.

Apple verschiebt umstrittenes Tracking-Update 

Apple verschiebt die verpflichtende Implementierung einer im Juni angekündigten Datenschutzfunktion, mit der Nutzer jeder App einzeln die Befugnis zum Teilen von Daten geben müssen, auf Anfang nächsten Jahres. Tech-Konzerne wie Facebook haben vor der Einführung dieser Maßnahmen gewarnt und auch einige Publisher zeigten sich besorgt. Martin Clarke, Verleger von DMG Media, zu dem unter anderem die britische Boulevardzeitung Daily Mail gehört, sagt gegenüber dem Wall Street Journal:

„Wo gerade jeder Publisher um den letzten Cent im Anzeigengeschäft kämpft, könnte das zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen.”

Buzzfeed-Chef Jonah Peretti hingegen  sieht die negativen Auswirkungen eher kurzfristig:

 „Es gibt Wechselwirkungen für Publisher. Langfristig könnte es mehr direktes, semantisches Targeting geben, kurzfristig könnte es aber die Ausgaben von Programmatic Advertising reduzieren.”

Auch Peter Spande, Verleger von Insider, zu dem Business Insider gehört, gibt sich gelassen, warnt aber:

„Es ist auf keinen Fall lebensbedrohlich für uns. Aber für kleinere, unabhängige Publisher, die abhängig von programmatischer Werbung sind, könnte das wirklich gefährlich werden.”

Den gesamten Beitrag des WSJ mit weiteren Publisher-Stimmen findest du hier

Andere Medien wie die New York Times, die Washington Post oder Vox Media arbeiten schon länger daran, auf eigene Tracking-Tools statt auf Dritte zu setzen.

Medieninsider Personalticker 

So schnell Personalien manchmal verkündet sind und so knapp sie auch ausfallen mögen, ist es doch immer wieder interessant zu wissen, wer demnächst wo anheuert oder gerade geschasst wurde. Um die Übersicht zu behalten, bündeln wir Personalien – ob exklusive oder anderswo verkündete – fortan in unserem Personalticker. Und wir freuen uns immer über Hinweise! Wenn du interessante Veränderungen bemerkt hast oder es eine Pressemitteilung gibt, dann schreib uns gerne eine Mail an redaktion@medieninsider.com

► Marta Orosz wechselt von Correctiv zu Business Insider Deutschland
Annette Bruhns wird Chefredakteurin von Hinz&Kunzt
Alexander Krug wird Digitalchefredakteur von NOZ Medien und Mh:n Medien



Transformation ist kein Nebenjob

Wie läuft es in deinem Team oder in deiner Redaktion, *|FNAME|*, wenn es um die Besetzung neuer und zukunftskritischer Projekte geht? Wonach wird entschieden, wenn die Frage nach dem Lead geklärt wird? Zu selten wird danach gefragt, wer wirklich die beste und kompetenteste Person für den Job ist, beobachtet unser Kolumnist Dietmar Schantin. Zu oft werde nur darauf geschaut, wer zeitlich wie auch inhaltlich am ehesten entbehrlich ist.

„Der Organisation zukunftskritischer Projekte wie Paid Content, Mobile first, Datenprojekten oder technologischen Innovationen liegt leider zu oft eine altmodische Denke zugrunde.“

Transformation sei kein Nebenjob, schreibt er und listet weitere „fatale“ Fehler auf, die Manager und Redaktionsverantwortliche im Personalmanagement regelmäßig machen. Schantins Kolumne kannst du als Medieninsider hier lesen



Lesetipp

Ben Smith, ehemaliger Chefredakteur von BuzzFeed News und seit einiger Zeit der Medienkolumnist der New York Times, hat einen zugegebenermaßen an einigen Stellen ausufernden Text veröffentlicht, über dessen Inhalt sich aber nachzudenken lohnt. Es geht um journalistisches Selbstverständnis. „Journalisten sind nicht der Feind der Menschen. Wir sind aber auch nicht eure Freunde“, schreibt Smith in seiner Überschrift und beschreibt anhand der Gemengelage zwischen Journalisten und US-Präsident Trump, welchen Einfluss beispielsweise Lob auf Medienschaffende hat.

„Wenn manche von Ihnen, die vom Aufstieg Mister Trumps alarmiert sind, einem politischen Journalisten oder TV-Experten danken, bedienen sie unsere schlimmsten Instinkte – hinsichtlich der Selbstgefälligkeit, dass wir uns selbst zur Geschichte machen und dass wir Ihnen exakt das erzählen, was Sie hören wollen. Sie führen uns in einer Zeit des maximalen Drucks auf die freie Presse in eine gefährliche Versuchung.“

Nicht zu schreiben was ist, sondern zu schreiben was gefällt, muss nicht immer ein Widerspruch sein. Die voranschreitende Digitalisierung und neue Möglichkeiten der Nutzeranalyse bergen aber auch gewisses Gefahrenpotential. 

Smiths Kolumne findest du hier.

Hab noch eine schöne Woche! 
Viele Grüße senden dir 

Marvin und Levin aus der Medieninsider-Redaktion

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Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.
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