Berliner Zeitung vs. Holtzbrinck

Ausgabe #06/2022

Hallo Medieninsider!

Schön, dass du dabei bist! Was dich in dieser Woche im Lese-Letter unter anderem erwartet:

► Wie die RTL-Chefs Matthias Dang und Stephan Schäfer auf die Inklusion von Gruner + Jahr blicken

► Weshalb bei Axel Springer nicht nur von „Hintermännern“ außerhalb des Verlags die Rede sein kann  

► Welche neuen Abo-Ziele sich die New York Times setzt 

► Weshalb die jüngsten Entwicklungen im Lokaljournalismus in den USA noch keine Rettung versprechen


Die internationalen Medienmärkte sind in Bewegung und weltweit wird enger zusammengerückt. So nah, dass manchmal das eine Unternehmen vom anderen nicht mehr zu unterscheiden ist. In Deutschland lässt sich diese Entwicklung am besten beim Bertelsmann-Konzern beobachten. Nachdem CEO Thomas Rabe nahezu allen Chefs der einzelnen Divisionen (RTL, Gruner + Jahr, BMG) Einfluss genommen und seinen eigenen, operativen Einflussbereich ausgeweitet hat, setzt er die Konsolidierung und Zentralisierung des Geschäfts auf zweiter Ebene fort. 

So ist seit Jahresbeginn Gruner + Jahr formal Geschichte, Marken wie SternGala oder Geo sind nun Teil von RTL Deutschland. Mit der Inklusion des Verlagshauses soll Deutschlands führender „News- und Entertainment-Anbieter“ entstehen. 

Die Pläne stoßen nicht nur auf Freude, sondern auch auf Skepsis, Sorge und Kritik. Denn sowohl RTL als auch und besonders Gruner + Jahr haben in den vergangenen Monaten und Jahren einige Neuaufstellungen, Chefwechsel sowie Um- und Restrukturierungen hinter sich gebracht. Sie unternehmen verkatert diesen erneuten Kraftakt, bei dem einige um die Relevanz ihrer Marken und vielleicht auch um ihre eigene bangen.

Vorbereitet und durchgeführt wird dieser Kraftakt von Matthias Dang und Stephan Schäfer. Das CEO-Duo muss dabei Antworten auf viele Fragen finden. Einige davon habe ich im gemeinsamen Interview gestellt. An dieser Stelle ein paar Auszüge:

Mit Blick auf die Entwicklung der Marken von Gruner + Jahr unter dem Dach von RTL sagt Stephan Schäfer:

„Der crossmediale Ausbau und Reichweitenzuwachs ist für den Erfolg und Fortbestand von publizistischen Marken essenziell. Wir nutzen durch die Zusammenführung von RTL Deutschland und Gruner + Jahr Möglichkeiten, die andere nicht haben.“

Und:

„Und wir geben den Marken eine gute Zukunft.“

Wie eine solche „Zukunft“ aussehen könnte, ließ sich bereits zwei Mal am Sonntagabend beobachten. Dort strahlte RTL Sonderausgaben von Stern TV aus. Die Kritiken: alles andere als begeistert. Dang und Schäfer aber wollen sich davon nicht irritieren lassen. Ihr Anspruch an die neue Sendung:

„Sie will sich abheben vom monothematischen Politiker-Talk am Sonntagabend mit den immer gleichen Gästen. Wir wollen den eingefahrenen Sonntagabend aufrütteln mit einer breiten Themenpalette, die informieren und unterhalten soll.“

Dang und Schäfer müssen nicht nur Marken zusammenführen, sondern auch Menschen. Viele von ihnen sind verunsichert. Denn nicht immer ist klar, wie die kommenden Monate aussehen werden. Dass hinter den Kulissen bereits etwas passiert, hört nicht nur, wer auf den Fluren der Medienhäuser lauscht, sondern auch, wer Mediendienste liest. Mit Gregor Peter Schmitz hat RTL gerade einen hochkarätigen Politikjournalisten und geschätzten Chefredakteur angeworben, der für die Marke Stern in Verbindung mit RTL eine entscheidende Rolle spielen wird – nur welche, das behandeln die Chefs wie ein Staatsgeheimnis. Schäfer:

„Wir haben offen gesagt, dass wir dieses Thema im zweiten Quartal angehen und entscheiden werden, wie wir unsere Abteilungen, auch die journalistischen, für die Zukunft aufstellen werden.“

Trotz der Geheimniskrämerei halten sich die Chefs für transparent. Wieder Schäfer:

„Vielmehr baut man ein neues Unternehmen so auf, wie wir gerade vorgehen: konzentriert und strukturiert, in Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen und transparent gegenüber allen, sobald Pläne feststehen.“

Die RTL-Chefs haben von der Politik gelernt. Sie reden viel, aber verraten wenig. Es gilt, lieber nichts zu sagen, als etwas Falsches zu sagen – und vor allem etwas zu sagen, das Raum für Interpretationen lässt. In der Politik gewinnt man damit Wahlen. In der Wirtschaft, wo man nicht gewählt werden muss, gewinnt man die Anerkennung des Chefs. Darüber hinaus steigert man vor allem nur eines: Unsicherheit.

Um dir ein eigenes Bild zu machen, kannst du das gesamte Interview mit den beiden RTL-Chefs als Medieninsider hier lesen.

Stern als gedruckte Beilage im TV? RTL-CEOs über die G+J-Fusion

Matthias Dang und Stephan Schäfer, RTL Group; Foto: Guido Rottmann

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Der britische Telegraph auf Erfolgskurs

Wie der britische Telegraph nach einer chaotischen Digitalstrategie wieder in die Erfolgsspur kam. Hier kannst Du mehr dazu lesen.  


Mitte Januar erschien in der Süddeutschen Zeitung ein bemerkenswertes Interview, in dem der Medien-Anwalt Oliver Moser über das Compliance-Verfahren rund um den damaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt sprach. Moser vertritt eine der Frauen, die im Compliance-Verfahren eine zentrale Rolle gespielt haben. 

Auf die Frage, ob für die Frauen das Kapitel mit der Abberufung des Chefredakteurs im vergangenen Oktober nun abgeschlossen sei, antwortete er:

„Nein (…). Es ging ihnen darum, einen Missstand aufzuzeigen und Veränderung zu bewirken. Und da haben sie noch nicht das Gefühl, dass der Verlag ausreichend Verantwortung übernommen, dass er reagiert oder anerkannt hat, was vorgefallen ist.“

Mosers Interview liest sich seit dieser Woche wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Denn mit den jetzt veröffentlichten Recherchen der Financial Times rückt die Frage in den Vordergrund, wie sich der Vorstand in der Aufarbeitung der Affäre Reichelt verhalten und positioniert hat.

Die Ergebnisse des Reporter-Teams bringen nicht nur den ohnehin angeschlagenen CEO Mathias Döpfner in Bedrängnis, sondern nahezu die gesamte Führungsriege. Die Recherchen der Financial Times legen nahe, dass manipulative „Hintermänner“ nicht nur außerhalb des Verlages wirken, sondern auch im eigenen Vorstand. 

Wenn die Verantwortlichen des Konzerns und ihre Investoren den Ruf des Unternehmens wiederherstellen wollen, sind nun weitere Konsequenzen nötig. Mehr darüber findest du in meiner Analyse. Du kannst den Artikel als Medieninsider hier lesen

Die „Hintermänner“ in der Springer-Führung

Axel-Springer-Vorstände Stephanie Caspar, Mathias Döpfner, Jan Bayer. Foto: Axel Springer SE
Axel-Springer-Vorstände Stephanie Caspar, Mathias Döpfner, Jan Bayer. Foto: Axel Springer SE


Mehr News & Entdeckungen aus der Woche

zusammengetragen von Kevin Dusch

Deutsche Welle fordert Russland zur Wiederherstellung von Akkreditierungen auf

Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle, hat die russischen Behörden aufgefordert, die Schließung des DW-Büros in Moskau zu widerrufen und die 19 Akkreditierungen für die dortigen Mitarbeiter wiederherzustellen. Limbourg sprach von einer „völlig überzogenen Entscheidung“, der Rundfunkratsvorsitzende Karl Jüsten von einem „Schlag gegen die Pressefreiheit“. Das russische Außenministerium hatte das Korrespondentenbüro der Deutschen Welle mit Wirkung zum 4. Februar für geschlossen erklärt. Im selben Schritt wurden auch die Akkreditierungen der Mitarbeiter sowie die Sendelizenz für die beiden deutsch- und englischsprachigen DW-Kanäle in Russland entzogen. Letztere galten eigentlich noch bis 2027 bzw. 2025. Russland hatte mit diesem Schritt auf das wegen einer fehlenden Rundfunklizenz erteilte Sendeverbot für den Staatssender RT DE in Deutschland reagiert. Eine aktuelle Mitteilung der DW findest du hier.

Deutsche Welle trennt sich nach Antisemitismus-Vorwürfen von fünf Mitarbeitern

Die Deutsche Welle hat nach Antisemitismus-Vorwürfen gegen Mitarbeiter und Kooperationspartner aus Jordanien und dem Libanon eigenen Angaben zufolge fünf „Trennungsverfahren“ eingeleitet. Elf weitere Verdachtsfälle werden demnach geprüft. Zudem kündigte Intendant Peter Limbourg an, die Werte der Deutschen Welle künftig deutlicher kommunizieren und eine „präzise Antisemitismus-Definition“ festzulegen. Die Entscheidung sind eine Folge der eingesetzten Expertenkommission, die nach Berichten über Antisemitismus bei Kooperationspartnern der DW eingesetzt worden war. Die Expertengruppe kommt in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass es Verfehlungen gegeben habe, auf ein strukturelles Problem bei der DW allerdings nicht zu schließen sei. Der Sender müsse nun aber sein „Recruiting für die Arabisch-Redaktion verbessern“ und Redaktionen besser schulen. Die Kommission stand unter Federführung des Islam-Experten Ahmad Mansour und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ehemalige Justizministerin und Antisemitismus-Beauftrage des Landes Nordrhein-Westfalen. Eine aktuelle Meldung der Deutschen Welle findest du hier, die Pressemitteilung der Expertenkommission hier.

Berliner Zeitung wirft Holtzbrinck-Medien Interessenskonflikte vor 

Die Berliner Zeitung wirft den Medien von Dieter von Holtzbrinck Intransparenz in der Berichterstattung über nahestehende Unternehmen vor. Dazu listen die Redakteure der Zeitung mehrere Artikel auf, in denen Medien wie ZeitWirtschaftswoche oder Tagesspiegel ohne entsprechende Kenntlichmachung über Start-ups berichtet haben, an denen der Risikokapitalgeber DvH Ventures beteiligt ist. Die Frage, ob es sich dabei um System oder Zufall handelt, lösen die Autoren nicht auf. Die Berichterstattung in der Berliner Zeitung erfolgt, nachdem die Zeit kritisch über interne Angelegenheiten im Berliner Verlag berichtet hatte. Dass die Berliner Zeitung mit ihrem Verleger Holger Friedrich bereits einen ähnlichen Konflikt hatte, erwähnt das Blatt lediglich im Editorial, macht im Haupttext aber kenntlich, dass es in Konkurrenz zum Tagesspiegel erscheint. Die Berichterstattung der Berliner Zeitung findest du hier, das Editorial hier

Spotify: Joe Rogan sorgt erneut für Skandal, darf aber bleiben

Joe Rogan sorgt mit rassistischen Äußerungen erneut für Ärger bei Spotify. Ein kürzlich veröffentlichter Videozusammenschnitt zeigt, dass sich der Podcaster mehrfach abfällig über nicht-weiße Personen geäußert hatte. Inzwischen sind 71 entsprechende Episoden bei Spotify verschwunden. Zuletzt waren Rogan und die Plattform bereits wegen der Verbreitung von Falschinformationen bezüglich der Corona-Pandemie in die Kritik geraten, mehrere Künstler hatten einen Boykott von Spotify angekündigt. In einem Schreiben an seine Mitarbeiter stellte Spotify-Chef Daniel Ek nun klar, dass er weiter an Rogan festhalten will. Den Podcaster zum Schweigen zu bringen sei nicht die richtige Lösung, die Plattform müsse „alle Arten von Urhebern fördern“. Um die Diversität der Urheber auf Spotify zu steigern, versprach der Spotify-Chef eine Investition in Höhe von 100 Millionen US-Dollar für Audioinhalte aus „historisch marginalisierten Gruppen“. Das ganze Schreiben von Daniel Ek wurde bei The Hollywood Reporter veröffentlicht, den Text findest du hier.

New York Times Company erreicht Ziel von 10 Millionen Abonnements

Die New York Times Company hat ihr Ziel von zehn Millionen kostenpflichtigen Abonnements erreicht. Durch den Zukauf von The Athletic und dessen 1,2 Millionen Subscribern konnte das Unternehmen das für 2025 geplante Ziel deutlich früher erreichen. Aus eigener Kraft hatte die New York Times Company im vierten Quartal 2021 zuletzt 375.000 Digital-Abonnements dazu gewonnen. Als neues Ziel nimmt sich die NYT bis 2027 15 Millionen Abonnements vor. Dabei stellt das Unternehmen klar, dass der Wert über alle Angebote des Unternehmens hinweg nicht gleichbedeutend mit 15 Millionen erreichten Personen sei. Den Unterschied will das Unternehmen künftig in seinen Umsatzberichten kenntlich machen. Im Dezember hatten rund 7,6 Millionen Abonnenten für die Zahl von damals noch 8,8 Millionen Abonnements gesorgt. Den gesamten Bericht über die Geschäftszahlen des vierten Quartals 2021 in der New York Times findest du hier.

CNN-Präsident Jeff Zucker wegen Beziehung zurückgetreten

Der CNN-Präsident Jeff Zucker hat nach Bekanntwerden einer Beziehung zu Marketingchefin Allison Gollust seinen Posten geräumt. Das Verhältnis war im Zuge der internen Untersuchungen gegen den Moderator Chris Cuomo wegen der Vermischung von Journalismus und Politik herausgekommen. Jeff Zucker war seit 2013 Chef des Nachrichtensenders. Mit dem Ende seiner Präsidentschaft beendete er auch seine Funktion als Vorsitzender der Nachrichten- und Sportsparte bei der CNN-Mutter WarnerMedia, während Allison Gollust auf ihrem Posten bleibt. WarnerMedia-CEO Jason Kilar ernannte vergangene Woche die CNN-Führungskräfte Michael BassAmy Entelis und Ken Jautz zu Interim-Chefs des Senders. Die Übergangsregelung soll bis zum Abschluss der geplanten Fusion mit Discovery gelten. Einen aktuellen Text von Axios, der auch die internen Sichtweisen auf Zuckers Weggang beleuchtet, findest du hier.

Aus dem Personalticker:

► Bild-Wissenschefin Bettina Kochheim geht zu Bauers Gesundheitsredaktion

► Sebastian Esser zieht sich aus Steady-Management zurück

► Ulla Fiebig wird Landessenderdirektorin für Rheinland-Pfalz beim SWR

► Vaunet: Vorstandsvorsitzende Annette Kümmel hört auf

► Arne Bergmann wird Geschäftsführer beim Jahreszeiten Verlag

► Damian Imöhl wird Chefredakteur beim Reutlinger General-Anzeiger



Lesetipp

In jüngster Zeit häufen sich die Meldungen über neue lokalmediale Bestrebungen in den USA. So macht Axios mit seiner Lokal-Offensive Hoffnung auf innovativen Journalismus, die Übernahme der Chicago Sun-Times durch den nicht-kommerziellen Radiosender NPR reiht sich ein in einen beginnenden Trend von medialen Non-Profit-Ansätzen.

Aber reicht das, um die großen Lücken in der Medienlandschaft auf lokaler Ebene wieder zu schließen? Dieser Frage ist Clare Malone für The New Yorker nachgegangen. Ihre Erkenntnisse zeigen, dass die bisherigen Ansätze nicht weit genug reichen:

► Niemand fängt bei null an: Investoren setzen dort an, wo es bereits Infrastrukturen gibt. Regionen, die schon länger ganz ohne lokale Medienangebote sind, bleiben weiter außen vor.

► Bestimmte Gruppen bleiben unsichtbar: Soziale Benachteiligung verstärkt sich weiter, denn auch gut gedachte Lokalinitiativen richten sich mehrheitlich an ein gebildetes Publikum mit gutem Einkommen.

► Der Zugang ist nicht barrierefrei: Die neuen Ansätze sind größtenteils digital – doch bis heute haben besonders strukturschwache Regionen teilweise schlechten Zugang zu Internet.

► Die Makro-Perspektive fehlt: Viele einzelne Bemühungen versprechen noch keine flächendeckende Lösung. Eine breit angelegte Initiative lässt noch auf sich warten.

Die Situation von lokalen Medienangeboten in den USA ist allein wegen der Größe des Landes deutlich extremer als in Deutschland. Doch auch hierzulande werden Lokalredaktionen zunehmend fusioniert, Zeitungen schrumpfen und der Wettbewerb versiegt. Ein Blick in Clare Malones Analyse lohnt also in jedem Fall – und sensibilisiert für die Herausforderungen, vor denen der Journalismus im Lokalen steht. Ihren Artikel findest du hier.


Viele Grüße sendet dir

Marvin

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Marvin Schade
Marvin Schadehttps://medieninsider.com
Marvin ist Co-Gründer und Founding Editor von Medieninsider und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Vor der Gründung war er mehrere Jahre für den Branchendienst Meedia in Hamburg und Berlin tätig, arbeitete kurz beim Focus Magazin und zuletzt für Gabor Steingarts Morning Briefing.

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